Russlands Oligarchen
Reich mit rauen Methoden

Der Fall TNK-BP zeigt: Noch beherrschen Russlands Milliardäre die rauen Methoden, die sie reich machten. Doch die Zähmung der Magnaten schreitet voran. Der Grund: Weil viele von ihnen auch international investieren, sind sie mehr denn je an einem guten Ruf interessiert.

MOSKAU. Eines ist Jurij Rosljak, dem stellvertretenden Bürgermeister Moskaus, ganz wichtig am Ende des Krisentreffens: Der Strom solle doch bitte wieder angestellt werden, sagt er in Richtung der Firmenvertreter am Tisch. Die Unternehmer nicken eifrig. Man werde rasch sehen, was sich da machen lasse.

Rosljak hat in einem heiklen Fall vermittelt: Zwei russische Konzerne, die zwei Milliardären gehören, wollen in Moskau ein Immobilienprojekt vorantreiben. Doch ein Gebäude ausländischer Investoren steht im Weg. Da gibt es plötzlich seltsame Änderungen im Grundbuch, ein fremder Sicherheitsdienst taucht auf – und dann fällt auch noch der Strom aus. Doch ehe es zum Showdown kommt, vermittelt der Bürgermeister. Und die Mächtigen parieren: 20 Minuten nach Ende des Treffens fließt der Strom wieder. „In den neunziger Jahren wäre das nicht so einfach gewesen“, sagt ein deutscher Industrievertreter in Moskau. „Da hätte man den Vize-Bürgermeister einfach gekauft.“

„Man“ – das sind Russlands Oligarchen. Mit nicht immer zimperlichen Methoden haben sie in nicht einmal 20 Jahren sagenhafte Reichtümer angehäuft. Unter den zehn reichsten Europäern finden sich heute fünf Russen. Oleg Deripaska, der reichste Oligarch, liegt nach Berechnungen des US-Magazins „Forbes“ gar weltweit auf Platz neun.

Und das Klondike an der Moskwa gebiert immer neue Milliardäre: Da ist etwa Sergej Polonski. Der 35-Jährige liebt das Gesellschaftsspiel „Mafia“, und wäre er nicht zu groß für die Sojus-Kapsel, hätte er sich schon auf die Weltraumstation ISS schießen lassen. Innerhalb weniger Jahre hat er es unter die 1 000 reichsten Menschen der Welt geschafft. Seine Gruppe „Mirax“ baut kräftig an „Moskwa City“ mit, der neuen Hochhaus-Skyline für Russlands Hauptstadt. Megalomaner Hingucker soll der 612 Meter hohe „Rossija“-Turm werden. In einer noch höheren Liga spielt Polonskis Partnerfirma „Basic Element“, sie gehört Oleg Deripaska. Und Vertreter dieser beiden sitzen Bürgermeister Rosljak gegenüber.

Der Strom-Fall zeigt: Manches hat sich seit den wilden 90er-Jahren geändert in Russlands Geschäftswelt. Die Oligarchen sind geschmeidiger, das Bild ist differenzierter geworden: Es wird nach wie vor getrickst und „geraidet“, aber auch fair gefeilscht und gehandelt. Die Triebfeder der Oligarchen, das Kapital, hat manchen von ihnen domestiziert: Russland zieht Investitionen an – aber nur, wenn Verträge auch eingehalten werden. Weil die Milliardäre längst selbst global investieren, sind sie auf ihren guten Ruf bedacht. Nur: „Viele russische Unternehmen haben Corporate-Governance-Mechanismen eingeführt“, sagt Brook Horowitz vom International Business Leaders Forum, „aber es fehlt die Kultur, sie auch anzuwenden.“

Russlands Oligarchen anno 2008: Da sind diejenigen, die mit der Politik paktieren, die gar als Oligarchen im Staatsdienst walten. Da sind diejenigen, die – gern auch in Englisch – über „gute Unternehmensführung“ parlieren. Und da sind diejenigen, die sich nach wie vor ihr Recht selbst machen möchten wie aktuell beim russisch-britischen Ölkonzern TNK-BP. Drei Fallbeispiele.

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