Schiffbau Rettung für Blohm & Voss kommt aus der Wüste

Die Übernahme von Blohm & Voss durch Abu Dhabi Mar verzögert sich weiter. Der Grund: Mubadala, einer der größten Staatsfonds der Welt, steigt bei der arabischen Schiffbaugruppe ein. Nun soll die Übernahme im ersten Quartal 2011 kommen - und eine monatelange Hängepartie beenden.
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Die "Queen Victoria" läuft in das Dock 17 von Blohm & Voss im Hamburger Hafen ein. Quelle: dpa

Die "Queen Victoria" läuft in das Dock 17 von Blohm & Voss im Hamburger Hafen ein.

(Foto: dpa)

FRANKFURT. Scheich Hamdan bin Zajed al-Nahjan ist kein Mensch für einen bescheidenen Auftritt. Wenn er die 2009 erworbene Werft Nobiskrug im schleswig-holsteinischen Rendsburg besucht, dann reist er im Hubschrauber an. Der Chef der arabischen Schiffbaugruppe Abu Dhabi Mar ist begeistert von deutscher Ingenieurkunst. Die bei Nobiskrug gefertigten Megajachten sind alle Einzelanfertigungen, für die mindestens ein zweistelliger Millionenbetrag fällig wird. Die kleine Gesellschaft am Nord-Ostsee-Kanal ist für den Scheich nur der Einstieg in den deutschen Schiffbau.

Um sein jüngstes Übernahmeziel Blohm & Voss im Hamburger Hafen in Augenschein zu nehmen, lässt er den Piloten auf dem Rückflug in die Hansestadt schon mal einen Schlenker fliegen. Noch ist die Traditionswerft Teil des Thyssen-Krupp-Konzerns. Die Übernahme soll im ersten Quartal 2011 über die Bühne gehen. Eine monatelange Hängepartie wird damit ein Ende finden.

Nachdem Abu Dhabi Mar und Thyssen-Krupp die Transaktion im Oktober 2009 bekanntgegeben und bis April die wesentlichen Eckpunkte festgezurrt hatten, waren Beobachter von einem schnellen Vollzug ausgegangen. Doch der zog sich hin. Erst sollte die finale Vertragsunterzeichnung bis zum Herbst erfolgen, dann hieß es, der Deal wird bis zum Jahresende in trockene Tücher gebracht. Auch diese Planung ist Makulatur, verärgert sind die Verhandlungspartner bei Thyssen-Krupp darüber aber nicht. Im Gegenteil: Nach Angaben aus informierten Kreisen soll Mubadala bei Abu Dhabi Mar einsteigen. Die Werftengruppe kommt damit unter die Kontrolle eines der größten Staatsfonds der Welt.

Gespeist mit dem Geld aus der Ölförderung soll Mubadala helfen, dem Emirat eine wirtschaftliche Basis für die Zeit nach dem Öl zu verschaffen. Mubadala ist etwa an Ferrari und dem Chiphersteller AMD beteiligt.

Das Engagement von Mubadala ist nicht nur eine simple Verschiebung im Portfolio zweier verbrüderter Staatsfonds - es bedeutet weitaus mehr. Mit dem Einstieg der größeren Mubadala zeigten die Herrscher von Abu Dhabi, dass sie der Transaktion in Deutschland einen höheren Stellenwert einräumten, als sie es bislang getan hätten, hieß es in Verhandlungskreisen.

Neue Eigentümerstruktur

Bislang ist die 2007 gegründete Abu Dhabi Mar mit ihren 2.000 Mitarbeitern zu 70 Prozent im Besitz des staatlichen Investmentfonds Al Ain International. Den Rest hält Privinvest, hinter der der Unternehmer Iskandar Safa steht. Die neue Eigentümerstruktur von Abu Dhabi Mar soll den Kreisen zufolge zügig glattgezogen werden, damit die Übernahme der Thyssen-Krupp-Werften im kommenden Quartal abgeschlossen werden könne.

Die Chancen dafür stehen gut: Abu Dhabi Mar und Thyssen-Krupp seien sich weitgehend handelseinig, hieß es in den Kreisen. Viele offene Fragen hätten noch vor Weihnachten abgearbeitet werden können.

Thyssen-Krupp hielt sich zu den Veränderungen im Eigentümerkreis von Abu Dhabi Mar und den Gründen für die neuerliche Verzögerung bedeckt. Eine Sprecherin sagte lediglich: "Wir sind auf einem guten Weg und zuversichtlich, dass wir die Partnerschaft mit Abu Dhabi Mar bald besiegeln können." Die arabische Werftengruppe äußerte sich nicht dazu.

Die Araber erhalten mit der Transaktion Zugriff auf die Thyssen-Krupp-Werften Blohm & Voss und HDW Gaarden, die beim Bau von Megajachten zur Weltspitze gehören. Wichtiger als das zivile Geschäft ist für die Investoren vom Golf aber die militärische Komponente. Beim Bau von Fregatten und Korvetten wollen Abu Dhabi Mar und Thyssen-Krupp künftig über das Joint Venture Blohm & Voss Naval zusammenarbeiten.

Beim Bau von Marineschiffen gilt Blohm & Voss im weltweiten Vergleich zwar nur als Mittelmaß - das aber schreckt die Araber nicht ab. Denn Abu Dhabi erhält Zugriff auf eine Kompetenz, die es sonst auf der Welt nicht zu kaufen gibt. Die Regierungen anderer Länder achten mit Argusaugen darauf, dass Marinewerften nicht in ausländische Hände gelangen. Die Bundesregierung zeigte sich hingegen offen, als Thyssen-Krupp wegen des Einstiegs der Scheichs nachfragte. Dem Ruhrkonzern blieb keine Alternative, denn die Bundesmarine selbst vergibt zu wenig Aufträge für Kriegsschiffe, mit denen alle Marinewerften an der deutschen Küste ausgelastet werden könnten.

Auch verspricht das Engagement von Abu Dhabi Mar neue Bestellungen aus islamischen Ländern, die künftig vom Golf aus betreut werden sollen. Größter Kunde könnte das Emirat selbst werden. Denn Abu Dhabi sieht sich durch Iran bedroht. Um ihre militärische Kompetenz zu stärken, hat Nobiskrug nach dem Einstieg von Abu Dhabi Mar ein Patrouillenboot ins Angebot aufgenommen.

Scheich Hamden hat schon das nächste Ziel im Visier: den U-Boot-Bauer Howaldtswerke-Deutsche Werft. Abu Dhabi Mar würde gern eine Beteiligung von knapp 25 Prozent erwerben. Die konventionellen U-Boote aus Kiel eignen sich vor allem für seichte Gewässer. Genau solche Boote benötigen die Emirate, um ihr Revier vor Iran zu schützen.

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