Schlechte Prognosen
In USA schwindet Hoffnung auf eine Erholung

Mit zunehmender Sorge blicken Analysten auf das anlaufende Weihnachtsgeschäft in der Konsumnation USA. Nachdem sich schon für das Herbstquartal 2007 erstmals seit mehr als fünf Jahren ein Rückgang der Firmengewinne im Börsenindex S&P 500 abzeichnet, trüben sich die Perspektiven mit Blick auf die hartnäckige Finanzkrise weiter ein.

NEW YORK. Obwohl die US-Notenbank Fed ihre Zinsen kürzlich erneut gesenkt hat und mit diesem Schritt für Erleichterung sorgen wollte, ist das Verbrauchervertrauen seitdem weiter gesunken.

Insbesondere der rückläufige Automarkt zeigt an, dass die Verbraucher ihren Gürtel nach Jahren des Rekord-Konsums bereits enger schnallen. David Rosenberg von der Investmentbank Merrill Lynch sieht die USA inzwischen "an der Schwelle einer Konsumenten-Rezession". Die Kaufabsichten für Immobilien und Hausgeräte seien auf den tiefsten Stand seit Jahren gefallen, schreibt der Ökonom in einer aktuellen Studie. Auch Frühindikatoren aus der Logistik sowie die Ausblicke der Handelsketten seien "nicht ermutigend", so Rosenberg.

Auch Analysten rücken im Zuge dieser Bewegung zusehends von ihrer überaus optimistischen Haltung ab. Noch im Sommer hatten sie den US-Konzernen ein sechsprozentiges Gewinnplus für das dritte Quartal prophezeit. Nachdem fast 80 Prozent der Unternehmen im S&P 500 ihre Ergebnisse vorlegt haben, weist der Finanzdatenanbieter Thomson Financial statt dessen ein Minus beim Gewinn von 1,6 Prozent aus. Dafür sind an erster Stelle die schwachen Ergebnisse des Finanzsektors verantwortlich, die um 15,5 Prozent unter Vorjahr liegen. Nach den Abgängen von zwei Konzernchefs und einer zweiten Runde von Milliardenabschreibungen ist die Unsicherheit an der Wall Street groß. Analysten sind nach ihren zuletzt allzu optimistischen Voraussagen jetzt deutlich zurückgerudert und haben die Prognose für ein zehnprozentiges Gewinnplus der Finanzbranche im Schlussquartal komplett einkassiert. Neben dem Einbruch der großen Wall-Street-Banken und einem Bausektor, der sich angesichts der Immobilienkrise längst im Rezessionsmodus befindet, gilt die Hauptsorge zunehmend der Konsumbranche.

Im dritten Quartal sind die Firmengewinne im Bereich zyklischer Konsumgüter um knapp 15 Prozent eingebrochen. Zu dieser Branche zählen unter anderem Auto- und Textilindustrie sowie Anbieter von Haushaltswaren und Freizeitbedarf. Selbst der jüngste Konjunkturbericht der US-Regierung (Beige Book) wirft einen auffällig skeptischen Blick auf die anstehende Weihnachtssaison. Der Abschwung in dieser wichtigsten Jahreszeit für Konsumgüterfirmen werde das Konjunkturwachstum im vierten Quartal auf unter ein Prozent drücken, glaubt Merrill-Lynch-Ökonom Rosenberg. Die US-Konjunktur ist zu fast 70 Prozent von der Laune ihrer Verbraucher abhängig.

Auffällig ist, dass die Dickschiffe aus dem Börsenindex S&P 500 die US-Wirtschaft bisher auf Kurs halten. Konzerne wie General Electric, Boeing, AT&T oder insbesondere IT-Riesen wie Microsoft fahren weiterhin Rekordgewinne ein. Sie verdienen ihr Geld zusehends im Ausland und profitieren dabei von der massiven Schwäche des Dollar. Am besten laufen derzeit die Branchen Technologie, Telekom und Gesundheit: Alle drei Sparten wiesen im dritten Quartal ein prozentual zweistelliges Gewinnplus auf.

Ob das reichen wird, die USA vor einer Rezession in 2008 zu bewahren? Zu den Sorgen am Kredit- und Häusermarkt gesellen sich deutlich steigende Preise für Energie und Rohstoffe. Weil Konzerne versuchen, diese Kosten weiterzureichen, kommt es derzeit branchenübergreifend zu saftigen Preiserhöhungen. So überraschte der Paketzusteller Fed-Ex kürzlich mit dem höchsten Preisaufschlag seit sechs Jahren: Der Luftfracht-Riese will seine Raten im US-Geschäft ab Januar 2008 um durchschnittlich 4,9 Prozent anheben. Auch der weltweit führende Konsumgüter-Konzern Procter & Gamble verlangt für viele Produkte aus seinem Portfolio mehr Geld: Von Kaffee über Pflegeprodukte bis zu Weichspülern und Windeln: Alles wird teurer. "Wir hatten zu Jahresbeginn gehofft, dass die Rohstoff- und Energiekosten ihr Plateau erreicht haben", sagte Procter-Finanzchef Clayton Daley: "Inzwischen sehen wir, dass die Belastung durch Rohstoffe weiter steigt."

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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