Schluss mit der „Schweiz AG“
Das Ende der Vetterli-Wirtschaft

Die „Schweiz AG“ bröckelt auseinander: Politisch ist die Alpenrepublik zwar noch immer eine Insel. Wirtschaftlich allerdings muss sie zusehen, dass sie den Anschluss nicht verliert. Das führt zu Spannungen im System. Im Land der Netzwerke machen sich zunehmend ausländische Investoren breit.

ZÜRICH. Der Fahrstuhl rauscht lautlos nach oben. Vorbei an den Etagen, wo die Schweizer Großbank UBS die Namen ihrer Kundenberater in kyrillischen Buchstaben neben die Halteknöpfe geschrieben hat. Bis in den 13. Stock. Die Tür öffnet sich, begleitet von einem leisen Klingelton. Die Dame am Empfang fragt nach dem Namen und begleitet den Gast eine geschwungene Treppe hinauf nach ganz oben. Ins „Haute“, einen der neueren Zürcher Clubs. Nur für zahlende Mitglieder, die sich den Beitrag von rund 1 300 Euro im Monat leisten wollen. Hier oben bei guter Aussicht auf Zürich und die Alpen und im Winter bei prasselndem Kaminfeuer trifft sich die neue „Schweiz AG“. Hier oben plaudern Manager über jene Deals, die die gestandene Schweiz, jenes einst so gut geölte Netzwerk aus Bankern, Unternehmern und Politikern, seit einigen Monaten aus den Fugen hebt.

„Haute“ hat eine doppelte Bedeutung: Von hier oben lässt sich herabschauen auf die anderen, die wie etwa im Baur au Lac den alten Zeiten nachhängen. Der Club, dessen Mitglieder im hauseigenen Rolls-Royce abgeholt werden und die bei ihren mittäglichen Treffen noch immer „keine Damen“ zulassen, erscheint von hier oben wie ein Überbleibsel aus alten Zeiten, als die Schweiz eine Insel war und sich alle glücklich schätzten, sie zu erreichen. „Hunde sind auch nicht erlaubt“, witzelt einer hier oben über die da unten.

Heute ist die Schweiz politisch zwar noch immer eine Insel. Wirtschaftlich allerdings muss sie zusehen, dass sie den Anschluss nicht verliert. Das führt zu Spannungen im System und dazu, dass im „Haute“ inzwischen Aufnahmestopp herrscht. Zu viele der neuen Reichen wollen die Clubbesitzer nicht bewirten. Der elitäre Anstrich wäre dahin.

„Haute“ heißt aber auch, dass man von hier oben tief fallen kann. Dass die da unten noch immer Macht ausüben, auch wenn ihr Einfluss bröckelt. Zurzeit arbeiten beide Seiten mit Verlusten.

Thomas Limberger etwa, jener quirlige deutsche Manager, der das Schweizer Industrieunternehmen Oerlikon innerhalb von zwei Jahren von einem verlustreichen High-Tech-Unternehmen in ein Gewinne schreibendes Konglomerat verwandelte und dabei auch vor Übernahmen anderer Schweizer Traditionsbetriebe nicht zurückscheute, war Stammgast hier oben. Kürzlich ist er tief gefallen. Seinen Job bei Oerlikon ist er los, nachdem er mit starrem Gesicht und leichter Wangenröte öffentlich einräumen musste, dass sein Verdienst als Chef der mittelgroßen Oerlikon, wenn alles gut läuft, rund 13 Millionen Euro betragen wird.

Der Aufschrei war gewaltig. So viel dürfen in der Schweiz nur Banker verdienen. Und auch die müssen sich deswegen inzwischen einiges in ihren Clubs anhören. Schnell streuten die da unten, was es sonst noch über Limberger zu berichten gab. Hohe Hotelrechnungen in New York zum Beispiel. Oder das Umstellen der Dienstwagenflotte auf Maserati. Der italienische Sportwagen sei billiger als jede deutsche Nobelkarosse, hatte Limberger stets beteuert. Ein Schweizer PR-Berater, der sich wie in Zürich üblich „Konsulent“ nennt, hält dagegen: „Du kannst hier im Siebener-BMW vorfahren oder im 500er-Mercedes. Aber niemals im Maserati.“ Limberger musste gehen, als auch sein Aufsichtsrat merkte, dass mit dem Schnelldenker und -sprecher , der damit Eigenschaften besaß, die die Eidgenossen an ihren deutschen Nachbarn am wenigsten schätzen, kein Staat mehr zu machen sei.

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