Schmucknachfrage
Türkische Goldschmiede hoffen auf bessere Zeiten

Ob Schmuck oder Münzen - die Türken lieben Gold. Die "Goldreserve" der Bevölkerung wird auf 150 Mrd. Dollar geschätzt. Auch die heimischen Goldschmiede sind international bekannt und haben ihr Land zum zweitgrößten Exporteur von Goldschmuck gemacht. Doch weil die weltweite Schmucknachfrage sinkt, gerät nun auch die türkische Wirtschaft in Gefahr.
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ISTANBUL. Rifat Ates sitzt vor seinem Laden im Großen Basar von Istanbul und wartet auf Kundschaft. „Das Geschäft läuft schlecht“, sagt Rifat und nippt an seinem Glas Tee. Der 48-Jährige verkauft Goldschmuck. Aber jetzt bleiben nicht nur die zahlungskräftigen Touristen aus den USA aus. Auch die heimischen Käufer sind rar geworden. Dabei sind die Türken geradezu versessen auf Gold.

Ob zur Hochzeit, zum Muttertag, zu Neujahr oder zum Geburtstag: Goldschmuck und -münzen sind das beliebteste Geschenk. Diese besondere Wertschätzung ist nicht zuletzt das Ergebnis jahrzehntelanger Hyperinflation, die zu immer neuen Abwertungen der türkischen Lira führte. In Truhen, Safes und Schubladen horten die Türken ihre Schätze, in Form von Halsketten und Ohrringen, Armbändern, Münzen und ganzen Barren.

Fachleute schätzen den Wert dieser von der Bevölkerung gehaltenen „Goldreserve“ auf 150 Mrd. Dollar.

Dieser Goldrausch hat die Türkei zum weltweit drittgrößten Markt für Goldschmuck nach Italien und Indien gemacht. Allein im Großen Basar von Istanbul gibt es über 1 000 Juwelierläden, im ganzen Land sind es 35 000. Die etwa 6 000 türkischen Hersteller von Goldschmuck beschäftigen fast 250 000 Mitarbeiter.

Die Goldschmiede setzen eine mehr als fünf Jahrtausende alte Tradition fort: Schon im dritten vorchristlichen Jahrtausend wurde in Anatolien Gold zu Schmuck verarbeitet. Dominiert wird die Branche heute von etwa 15 Großbetrieben mit jeweils über 1 000 Beschäftigten. Nach Italien ist die Türkei der zweitgrößte Exporteur von Goldschmuck. Wichtigste ausländische Absatzmärkte sind die Vereinigten Arabischen Emirate, die USA und Russland.

Doch jetzt sorgen die Krise, die der Türkei in diesem Jahr voraussichtlich einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von rund sechs Prozent bescheren wird, und der hohe Goldpreis für Zurückhaltung der Kunden. Schlimmer noch: Die Krise zwingt so manche Familie, sich von ihren Goldschätzen zu trennen.

Marktkenner schätzen, dass in diesem Jahr mindestens 100 Tonnen Goldschmuck und Münzen in die Schmelzöfen wanderten.

Abzulesen ist die Krise auch an den rückläufigen Goldimporten. Sie gingen bereits 2008 gegenüber dem Vorjahr von 231 auf 168 Tonnen zurück. In diesem Jahr beschleunigte sich der Abwärtstrend. Die rückläufigen Importe von Rohgold gehen aber auch auf das Konto einer wachsenden Goldförderung im eigenen Land.

Diese wird 2009 rund 16 Tonnen erreichen – doppelt so viel wie 2006. Für 2010 erwartet man sogar eine Förderung von 38 Tonnen, so eine Schätzung des Ministeriums für Energie und Bodenschätze in Ankara. Bewahrheitet sich diese Prognose, würde die Türkei in die Gruppe der weltweit 20 größten Goldförderländer aufrücken. Das Potenzial ist jedenfalls vorhanden. Die bisher bekannten türkischen Goldreserven in der Erde werden auf 700 Tonnen beziffert.

„Die tatsächlichen Vorräte könnten sich aber auf 6 500 Tonnen belaufen“, meint Ümit Akdur, der Präsident der Goldminenvereinigung. „Wir müssen nur tiefer graben.“ Während in Europa Gold in Tiefen von 1 500 Metern und in Afrika sogar in 3 600 Metern Tiefe abgebaut werde, betrage die durchschnittliche Abbautiefe in der Türkei bislang nur zehn Meter.

Marktbeobachter rechnen schon bald mit einer wieder steigenden Nachfrage nach Goldschmuck in der Türkei. Wirtschaftsminister Ali Babacan erwartet für 2010 einen Zuwachs des BIP um 3,5 Prozent. Der Aufschwung dürfte auch die Schmuck-nachfrage ankurbeln.

Die türkische Schmuckindustrie ist jedenfalls gerüstet. Sie hat eine Verarbeitungskapazität von 400 Tonnen jährlich. Zwei Mal im Jahr, im März und Oktober, präsentiert sich die Branche am Bosporus auf der Istanbul Jewelry Show. Vor allem im Ausland sehen die türkischen Juweliere noch großes Wachstumspotenzial: sie wollen ihre Exporterlöse von 1,6 Mrd. Dollar 2008 bis 2012 auf fünf Mrd. steigern.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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