Schnellzüge
Der Stolz der Grande Nation

Frankreichs Schnellzüge lösen so viel Patriotismus aus wie kaum ein anderes Industrieprodukt; sie gelten als Paradebeispiel für französische Industriepolitik. Frankreichs Präsident Sarkozy hat eine besondere Bindung zum Alstom-Konzern – und nutzte die Vorführung des neuen Vorzeige-Zuges AGV zu einer Attacke auf die Feinde der französischen Industrie.

LA ROCHELLE. Aus den Lautsprechern in der Alstom -Bahnfabrik dröhnen die Bässe. Durch eine halb transparente Leinwand schimmern die drei Hauptscheinwerfer des Schnellzuges AGV, dem neuen Vorzeigezug des französischen Industriekonzerns Alstom. Dann entschwebt die Leinwand nach oben und der Zug rollt langsam auf die Gäste zu. Auf der Bühne wohnen Alstom -Chef Patrick Kron und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy ergriffen und stolz dem Schauspiel bei.

Neben den Flugzeugen von Airbus lösen wohl nur die Schnellzüge von Alstom derart viel Nationalstolz in Frankreich aus. Hier sieht sich die "Grande Nation" noch als Weltmarktführer: Laut Alstom hat das Unternehmen 70 Prozent aller Züge produziert, die schneller als 300 km/h fahren - auch wenn ein Großteil davon wohl auf heimischen Gleisen herumsausen dürfte.

Die Schnellzüge gelten als Paradebeispiel für französische Industriepolitik: Der erste TGV (Train à Grande Vitesse) wurde Anfang der 70er von der Staatsbahn SNCF gemeinsam mit Alstom entwickelt. Der Absatz der Züge war durch die Staatsbahn garantiert. Diese geschlossenen Vermarktungs-Kreise funktionieren in einem EU-Binnenmarkt aber nicht mehr. Dennoch ließ gestern Frankreichs Präsident keine Zweifel, dass Alstom weiterhin auf staatliche Hilfe zählen kann - etwa bei der Eroberung von Exportmärkten für die TGV-Weiterentwicklung AGV (Automotrice à Grande Vitesse): "Es ist meine Pflicht, bei jeder meiner Auslandsreisen ohne Unterlass die Industrie bei ihren Export-Bemühungen zu unterstützen", tönte Sarkozy. So hat das Sarko-Alstom -Team vor kurzem in Marokko die ersten Schnellzüge nach Afrika verkauft.

Zu Alstom hat Sarkozy eine besondere Bindung: Schließlich war er es, der 2004 noch als Finanzminister eine Genehmigung für dessen Teilverstaatlichung bei der EU-Kommission durchdrückte und so den Konzern vor dem Zusammenbruch rettete. Zwei Jahre später konnte der Staat seine Alstom -Aktien mit Gewinn an den Bouygues -Konzern verkaufen. "Wir haben nicht akzeptiert, dass Alstom zu Gunsten seines Konkurrenten Siemens zerschlagen wird. Ich war gegen die Übernahme durch Siemens", lobte sich Sarkozy gestern für die gelungene Rettung selbst.

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