Schrempp gibt sich gelassen
Im Daimler-Prozess wird es noch einmal spannend

Konzernchef Schrempp wird am Montag vor Gericht mit neuem Beweismaterial konfrontiert.

NEW YORK Nach wochenlangen Briefwechseln zwischen den Anwälten und nach einer Telefonkonferenz mit dem Richter ist es soweit: Der US-Schadenersatzprozess gegen Daimler-Chrysler geht nächste Woche in Wilmington/Delaware weiter. Unangenehm dürfte es für Vorstandschef Jürgen Schrempp werden, denn er muss sich am Montag erneut vor Gericht der Anklage stellen. Es wird noch einmal richtig spannend: Schrempp soll mit neuem Beweismaterial konfrontiert werden, das laut Anklage eindeutig gegen ihn spricht.

Der milliardenschwere Prozess war im Dezember unterbrochen worden, nachdem Daimler-Chrysler der Gegenseite erst kurz vor dem geplanten Ende der Anhörung prozessrelevante Unterlagen überreichte. Es handelt sich um Aufzeichnungen des damaligen Chrysler-Finanzchefs Gary Valade über die Fusionsverhandlungen mit Daimler- Benz vor fünf Jahren. „Mit diesem Material hätten wir unsere Vernehmung viel besser vorbereiten und die Erinnerung der Zeugen auffrischen können“, sagte ein Anwalt der Klägerseite.

In der Zwischenzeit stellte ein Sonderrichter fest, dass es sich hierbei um ein Versehen handelte. Daraufhin einigte sich der Autobauer mit Kläger Tracinda, der Investmentfirma des 86-jährigen US-Milliardärs Kirk Kerkorian, auf eine erneute Zeugenbefragung. Neben Schrempp muss auch der frühere Chrysler-Manager Thomas Stallkamp noch einmal aussagen. Daim- ler-Chrysler sprach von zwei „starken Zeugen“, mit denen man den Fall abschließen wolle.

Schrempp werde in Ruhe und mit Gelassenheit auf die Fragen eingehen, wie er es schon bei seinem ersten Auftritt vor dem Bezirksgericht getan habe, sagte ein Sprecher in der Stuttgarter Konzernzentrale. Von dort kam zunächst der Vorschlag, Schrempp per Videoschaltung aussagen zu lassen. Diese Idee wurde inzwischen aus technischen Gründen verworfen.

Die Daimler-Anwälte scheinen den neuen Unterlagen keinen besonderen Stellenwert beizumessen. „Tracinda hat uns wegen dieses unglücklichen Fehlers das Leben so schwer wie möglich gemacht“, sagte Anwalt Michael Schell. „Jetzt müssen sie erst einmal zeigen, was diese Notizen beweisen – nämlich unsere Position.“

Richter Joseph Farnan, der schon im Dezember teils gelangweilt schien und während der Verhandlung einnickte, hat offensichtlich wenig Lust, alle Argumente erneut zu hören. „Es ist nicht nötig, Zeugenaussagen zu wiederholen“, schärfte er den Anwälten ein. Die Befragung nächste Woche soll auf die Notizen beschränkt bleiben.

Die Gesprächsnotizen von Valade könnten laut Anklage gegen Prozessende neues Licht auf den Fall werfen. In dem Papier hatte Valade den Ex-Chrysler-Chef Robert Eaton zitiert, der bei einem Treffen mit Schrempp im März 1998 gesagt haben soll, der Deal war „im Grunde eine Übernahme“. Auch Valade steht noch auf der Zeugenliste.

Die Zeugenvernehmung wird am Dienstag abgeschlossen, innerhalb der nächsten Wochen geben beide Parteien ihre schriftlichen Plädoyers ab. Danach obliegt es dem Richter, ein Urteil zu fällen. Wann das sein wird, ist allerdings noch nicht abzusehen. Wenn Joseph Farnan seinem Ruf gerecht wird, kann es noch lange dauern – er ist in Gerichtskreisen als „Slow Joe“ bekannt.

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