Schüler-Selbstmorde
Japanische Behörden warnen Jugendliche vor Tamiflu

Schüler-Selbstmorde in Japan haben Zweifel an dem umsatzstarken Grippemittel des Schweizer Pharmakonzerns Roche geweckt. Nun hat das Gesundheitsministerium eine Warnung herausgegeben. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Tamiflu und psychischen Störungen sei jedoch nicht erkennbar, hieß es.

TOKIO. Japans Gesundheitsministerium hat die Tokioter Tochtergesellschaft des Schweizer Pharmakonzerns Roche gestern angewiesen, im Beipackzettel des Grippemittels Tamiflu von der Behandlung Jugendlicher mit dem Medikament abzuraten. Grund sind umfangreiche Medienberichte über ein halbes Dutzend Teenager, die sich nach der Einnahme des Medikaments aus dem Fenster gestürzt hatten. Es sei nötig, eine Warnung herauszugeben, sagte der Pharmaverantwortliche des japanischen Gesundheitsministeriums, Tatsuo Kurokawa. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Tamiflu und psychischen Störungen sei jedoch nicht erkennbar. Insgesamt sind in Japan bislang knapp 20 Patienten unter 16 Jahren während einer Tamiflu-Behandlung gestorben – überwiegend an der Grippe selbst.

Ein Vizepräsident des Pharmaunternehmens Chugai, das mehrheitlich Roche gehört und Tamiflu in Japan vertreibt, sicherte volle Zusammenarbeit mit der Regierung zu. Es sei wahr, dass Menschen von Unfällen betroffen gewesen seien, doch das Unternehmen halte Tamiflu weiter für nutzbringend. Chugai werde für den japanischen Markt darauf hinweisen, dass Jugendliche zwischen zehn und 20 Jahren Tamiflu nach Möglichkeit nicht nehmen sollen.

Fernsehen und Zeitungen berichten in Japan seit anderthalb Jahren immer wieder sehr farbig über ungewöhnliches Verhalten von Teenagern im Zusammenhang mit Tamiflu. So stürzte sich im Juli 2006 ein zwölfjähriger Junge aus seinem Zimmer im sechsten Stock eines Wohnkomplexes auf einen Parkplatz. Der Arzt hatte Grippe diagnostiziert und Tamiflu verschrieben.

Im Februar dieses Jahres lief ein Zwölfjähriger, der das Mittel genommen hatte, plötzlich barfuß aus dem Haus. Nachdem die Eltern ihn eingefangen hatten, riss er sich los und warf sich im zweiten Stock aus dem Fenster. Er brach sich ein Bein. Eine Anwohnerin fand eine Woche später ein 14-jähriges Mädchen tot vor dem Appartementhaus, in dem sie mit ihren Eltern im zehnten Stock wohnte. Sie hatte zuvor im Krankenhaus Tamiflu bekommen. Die Eltern eines 14-jährigen Jungen in Grippebehandlung wollten diesen noch zurückhalten, als er sich Anfang März über ein Geländer im elften Stock schwang, doch der Junge stürzte 30 Meter in die Tiefe und starb. Vergangenen Montag brach sich ein weiterer Junge das Fersenbein, nachdem er ins obere Stockwerk seines Hauses gelaufen war und sich vom Balkon gestürzt hatte.

Der Hersteller von Tamiflu, die Schweizer Firma Roche, betonte gestern, mehrere Studien aus den USA und Japan hätten keinen Zusammenhang zwischen dem Medikament und psychischen Störungen bei Kindern ergeben. Wahnideen seien jedoch grundsätzlich ein verbreitetes Symptom der Grippe. In Japan komme Verwirrtheit von grippekranken Kindern möglicherweise öfter vor als in anderen Ländern. Bisherige Erfahrungen sprechen laut Roche dafür, dass Tamiflu diese Symptome nicht verursacht, sondern bekämpft: Aus den Daten einer amerikanischen Krankenversicherung über 325 000 Grippeinfektionen gehe hervor, dass mit Tamiflu behandelte Patienten seltener psychische Symptome zeigten als Kranke, die das Medikament nicht einnahmen. Dem Konzern zufolge stirbt nur einer von fünf Millionen Tamiflu-Patienten wegen wahnhaften Verhaltens.

Eine japanische Studie zu Verhaltensänderungen durch Tamiflu war in der vergangenen Woche in die Kritik geraten. Ein Wissenschaftler, der an der Arbeit beteiligt war, hatte Zeitungsberichten zufolge vorher acht Mill. Yen (50 000 Euro) Forschungsförderung von Chugai erhalten. Die Studie hatte ergeben, dass Tamiflu keine psychischen Nebenwirkungen habe. Das Gesundheitsministerium hatte die Daten zur Bewertung der Gefahren durch das Medikament herangezogen.

Regierungen weltweit horten derzeit auf Anraten der Weltgesundheitsorganisation WHO Tamiflu mit dem Ziel, im Falle einer Grippe-Pandemie ein Viertel ihrer Bevölkerung mit dem Medikament versorgen zu können. Roche hat die jährliche Produktionskapazität zuletzt auf 400 Mill. Behandlungsdosen hochgefahren. Das Unternehmen machte 2006 damit einen Umsatz von 2,6 Mrd. Franken (1,6 Mrd. Euro).

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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