Schwache Finanzierung und ungünstige Steuervorschriften bremsen Neuordnung
Biotechbranche fehlt Geld für die Konsolidierung

In der deutschen Biotechbranche verläuft die Konsolidierung weiterhin schleppend und schmerzhaft. Und die meisten Fachleute sehen vorerst keine Trendwende. Unter den mehr als 300 Unternehmen der Branche dürfte es damit weiterhin mehr Insolvenzen geben als Übernahmen und Zusammenschlüsse.

HB FRANKFURT/M. Denn für eine breit angelegte Merger-Welle in der Branche fehlt es nicht nur an Geld. Als Hemmschuh erweisen sich zudem strukturelle Schwächen und eine ungünstige Steuergesetzgebung. Die wenigen gut finanzierten Firmen agieren äußerst zurückhaltend. Sie setzen eher darauf, interessante Projekte aus den Insolvenzmassen zu erwerben als komplette Unternehmen. Das Gefälle innerhalb der Branche nimmt damit weiter zu. „Wer etwas Geld hat, ist derzeit in einer hervorragenden Situation, um attraktive Aktivitäten zu bündeln“, so ein erfahrener Biotech-Investor.

In vielen Fällen indessen fehlt es weiterhin an dem „intelligenten Geld“, auf das die Branche dringend wartet. Diese Erfahrung musste zuletzt unter anderem die Switch Biotech AG machen, die Anfang September Insolvenz-Antrag stellte und seither um eine Auffanglösung für einen Teil ihrer Projekte ringt. Aufgeben mussten zuvor bereits Firmen wie Apovia, Apalexo oder Munich Biotech (MBT). Im Falle MBT wurden einzelne Projekte schließlich von der börsennotierten Medigene AG übernommen. Die Aktivitäten der Rostocker Theraklin AG, die im Mai Insolvenzantrag stellte, erwarb vor kurzem der dänische Dialyse-Konzern Gambro. Bei der Mannheimer Febit AG, die zu Jahresbeginn aufgeben musste, steht dagegen eine Verwertung der Assets weiterhin aus. Das Unternehmen war daran gescheitert, eine neue Technologie zur Gensequenzierung zur Marktreife zu entwickeln.

Übernahmen oder Fusionen gelingen allenfalls, wenn sie akut nicht nötig sind oder die Kapitalgeber genügend Druck machen. Zu den wenigen gelungen Beispielen gehört die Fusion der Heidelberger Graffinity mit dem Schweizer Unternehmen Myocontract. Die daraus entstandene Santhera Pharmaceuticals AG verfügt nun sowohl über eine Technologieplattform als auch über Produktkandidaten in der klinischen Entwicklung. Als intelligente Lösung gilt auch der vor wenigen Tagen besiegelte Einstieg der US-Firma DNAPrint Genomics bei der Biofrontera AG. Das Leverkusener Unternehmen erhielt im Zuge dieser Transaktion nicht nur einen neuen Mehrheitseigner, sondern auch rund 20 Mill. Euro frische Liquidität.

„Insgesamt ist es jedoch extrem schwierig, solche konstruktiven Lösungen zu finden und zu finanzieren“, sagt Ulrich Abshagen, Chef der Venture Capital Gruppe Heidelberg Innovation, die als Geldgeber und Gesellschafter an der Fusion von Graffinity und Myocontracts mitgewirkt hatte.

Als maßgebliches Hindernis erweist sich in vielen Fällen die fehlende Kompromiss-Bereitschaft von Firmengründern und Eignern. Eine weitere Hürde erwächst aus dem Steuerrecht, das seit einigen Jahren die Übertragung von Verlustvorträgen deutlich erschwert. Die Übernahme von Unternehmen ist damit noch unattraktiver geworden. „Das war ein Todesurteil für manche Biotechfirma“, so Rainer Strohmenger, Partner bei der VC-Gruppe Wellington Partners.

Auch die einst großzügige Finanzierung durch die KfW-Tochter tbg Technologie-Beteiligungsgesellschaft erweist sich nun als Hemmschuh für die Konsolidierung. Das tbg-Modell erleichterte die Gründung besonders kleiner Firmen und war häufig mit der Aufnahme von Darlehen verbunden. An der Übernahme dieser Schulden indessen haben potenzielle Käufer keinerlei Interesse. Auch das ist ein Grund, lieber auf Insolvenz zu warten.

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