Schweizer Siemens-Konkurrent
ABB geht hart gegen Korruption vor

Einst erschütterten gleich mehrere Bestechungsfälle die ABB, einen der schärfsten Konkurrenten von Siemens in Europa. Heute wird der Schweizer Konzern selten genannt, wenn es um Korruption geht. Die ABB hat dazugelernt und greift ein, bevor die Ermittlungsbehörden tätig werden. „Null Toleranz“ lautet die Vorgabe.

ZÜRICH. Als Rainer Schreiber, ehemaliger Chef der Bonner Stadtwerke, am 8. April 2002 das Rathaus in Bonn verlässt, warten Polizisten auf ihn. Wochen zuvor hatte Schreiber Vertreter von Firmen empfangen, die sich um den Auftrag für die Modernisierung des Heizkraftwerks Bonn-Nord bewarben. Letzter Kandidat: der Schweizer Industriekonzern ABB. „Die Schweizer hatten plötzlich das günstigste Angebot“, beschreibt ein Bonner Kommunalpolitiker die Szene. „Das konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.“ Die Staatsanwaltschaft sah das genauso, ermittelte und entdeckte bei der Bank ABN Amro in Zürich ein Konto Schreibers mit 1,5 Mill. Euro. Daraufhin klickten vor dem Rathaus die Handschellen.

Dies ist nur einer der Bestechungsfälle, die ABB einst erschütterten. Heute wird der Konzern, der in Europa zu den schärfsten Konkurrenten von Siemens gehört, selten genannt, wenn es um Korruption geht. Offenbar hat ABB dazugelernt und greift ein, bevor die Ermittlungsbehörden tätig werden. „Null Toleranz“ lautet die Vorgabe des ehemaligen ABB-Chefs und jetzigen Verwaltungsratspräsidenten Jürgen Dormann in Sachen Korruption. Sein Nachfolger an der ABB-Spitze Fred Kindle fügt hinzu: „Moralisch einwandfreies Geschäftsgebahren bildet die notwendige Basis für ein langfristig erfolgreiches Unternehmen.“ Er, der hinter verschlossenen Türen schon mal über „Schmiernippel“ wettert, betrachte sich nicht als „Mister Saubermann, der dafür sorgt, dass ABB zur sektiererischen Kultfirma wird.“ ABB müsse aber dafür sorgen, dass die Kultur einer Null-Toleranz bei Regelverstößen im ganzen Unternehmen gelebt werde.

Experten bescheinigen ABB Erfolge in der Korruptionsbekämpfung. „ABB hat konsequent gearbeitet", sagt Josef Wieland, Professor am Institut für Wertemanagement der Fachhochschule Konstanz. Sein Rat: Unternehmen müssen nicht nur die finanziellen und technischen Risiken eines Auftrags prüfen, sondern auch die moralischen. Jermyn Brooks, Direktor der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, bestätigt: ABB sei gut vorangekommen, wenn es darum gehe, Schwachstellen und Einfallstore für Korruption zu beseitigen.

Das „Null-Toleranz“-Programm schließt die Regeln zur „ethischen Geschäftsführung“ ein, die jeder ABB-Mitarbeiter unterschreibt. Der kleinste Verstoß wird geahndet. Was als Verstoß gilt, ist so definiert: „Mitarbeiter dürfen niemals irgendeiner Person, einschließlich offiziellen Institutionen und Mitarbeitern von Kunden, Geld oder andere Vorteile anbieten mit der Absicht, einen Auftrag zu gewinnen.“ Sie dürfen solche Geschäfte auch nicht über Dritte abwickeln. Oberste Hüterin über die Einhaltung der Ethik-Regeln ist künftig Diane de Saint Victor. Die Juristin kommt von EADS und löst bei ABB John Scriven ab, der bisher den Bereich leitete. Sie wird im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Mitglied der Konzernleitung. Damit will ABB dokumentieren, welchen Stellenwert der Konzern dem Thema beimisst.

Vorgänger Scriven hat die Grundlagen für ihre Arbeit geschaffen. Unter seiner Führung ging ABB ganz praktisch gegen die Korruption im eigenen Konzern vor. Elektronische Trainingsprogramme mit Namen wie „Integrität“ wurden installiert. Sie erzählen Geschichten wie die vom nahöstlichen Beamten, der bei 100 Dollar Monatsverdienst über Millionen-Aufträge zu entscheiden hat, und fragen das Verhalten der ABB-Mitarbeiter ab. Auch ein Whistle-Blowing-Programm gibt es bei ABB: Mitarbeiter, die einen Verdacht haben, können anonym eine Hotline anrufen und ihre Vermutung mitteilen. Die konzerneigenen Ermittler gehen der Sache umgehend nach. Die Tippgeber können über Codeworte das Ergebnis der Untersuchungen abfragen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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