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04.07.2008 
Chemiekonzerne

Selbst Riesen wanken gefährlich

von Siegfried Hofmann

Während die Verbände noch Zuversicht predigen, bringt der drastische Anstieg der Rohölpreise einige hochverschuldete Chemiekonzerne offenbar zusehends in Bedrängnis. Besonders kritisch beurteilen Kreditgeber die Situation der niederländischen Lyondellbasell-Gruppe, des derzeit drittgrößten Chemieherstellers der Welt.

Raffinerie in Ostdeutschland: Die Herstellung von Vorprodukten wird durch die hohen Ölpreise zu einem teuren Spaß. Foto: dpaLupe

Raffinerie in Ostdeutschland: Die Herstellung von Vorprodukten wird durch die hohen Ölpreise zu einem teuren Spaß. Foto: dpa

FRANKFURT. Schuldtitel des Konzerns haben in den vergangenen Wochen kontinuierlich an Wert verloren und notierten am Donnerstag nach Daten von Bloomberg nur noch zu knapp 64 Prozent ihres Nennwerts. Ein Renditeaufschlag von rund 14 Prozentpunkten gegenüber Bundesanleihen signalisiert, dass Investoren inzwischen ein relativ hohes Ausfallrisiko unterstellen. Ähnlich schwach werden Anleihen des britischen Chemiekonzerns Ineos bewertet, der wie Lyondellbasell aus einer Reihe kreditfinanzierter Übernahmen entstanden ist.

Dass einige hoch verschuldete Chemiegebilde, die zu Zeiten des leichten Geldes gezimmert wurden, nun in raues Fahrwasser geraten, zeigte in den vergangenen Wochen die Auseinandersetzung zwischen den US-Firmen Hexion und Huntsman. Hier versucht die von der Private-Equity-Gruppe Apollo kontrollierte Hexion, den bereits fest vereinbarten Kauf von Huntsman abzuwenden, mit der Begründung, dem fusionierten Konzern drohe die Insolvenz.

Probleme verursachen vor allem deutlich sinkende Margen im Petrochemiegeschäft. Viele Hersteller wurden im ersten Halbjahr von den rapide steigenden Rohstoffkosten regelrecht überrollt und konnten diese - anders als in den Vorjahren - nicht schnell genug an ihre Abnehmer weitergeben. Nach Schätzung der Fachzeitschrift ICIS sanken die Cracker-Margen im Juni auf das niedrigste Niveau in diesem Jahrzehnt. Viele dieser Anlagen, die Rohbenzin (Naphta) in chemische Grundbausteine wie Ethylen und Propylen aufspalten, verdienen danach zur Zeit nicht einmal ihre Cash-Kosten.

Auch die Situation auf nachgelagerten Produktionsstufen gilt als schwierig. Ein Indiz dafür geben Daten des Verbandes VCI, wonach der Naphtapreis im ersten Halbjahr um 29 Prozent zulegte, während die Petrochemiepreise im Schnitt nur um sieben und die Kunststoffpreise nur um drei Prozent erhöht werden konnten.

Lyondellbasell, die Ende 2007 aus der Übernahme des US-Konzerns Lyondell durch Basell entstand, gehört in diesem Bereich zu den wichtigen Akteuren. Das Unternehmen mit rund 45 Mrd. Dollar Jahresumsatz gilt als größter Hersteller von Polypropylen und als einer der führenden Anbieter von Polyethylen, beides Massenkunststoffe, die unter anderem im Verpackungsbereich eingesetzt werden. Darüber hinaus betreibt der Konzern Raffinerien und produziert verschiedene Basischemikalien.

Alleiniger Eigner ist Access Industries, eine von dem amerikanisch-russischen Unternehmer Len Blavatnik kontrollierte Firmengruppe, die unter anderem auch am Ölkonzern TNK-BP beteiligt ist und Basell vor vier Jahren von BASF und Shell übernommen hatte. Mit der voll kreditfinanzierten Übernahme von Lyondell rückte die Access-Tochter Ende 2007 unter die größten Chemieproduzenten auf, zugleich stieg ihre Finanzverschuldung auf mehr als 20 Mrd. Dollar.

Die kreditgebenden Banken - darunter Citigroup, Goldman Sachs, Merrill Lynch, ABN Amro und UBS - haben daher bei Lyondellbasell wesentlich mehr zu verlieren als der Eigner Access, der beim Kauf von Basell nur rund 800 Mill. Dollar eigenes Kapital einsetzte und sich im vergangenen Jahr sogar noch eine Dividende von gut 300 Mill. Dollar gönnte.

Da Access den Lyondell-Deal noch vor der Subprime-Krise zu großzügigen Bedingungen finanzieren konnte, befindet sich der Konzern liquiditätstechnisch vorerst noch in einer relativ komfortablen Position. Die finanzielle Situation sei gut und die Liquidität stark, bekräftigte am Donnerstag Firmenchef Volker Trautz. Er verweist auf deutliche Preiserhöhungen, die Lyondellbasell vor wenigen Tagen angekündigt hatte, sowie auf eine relativ gute Entwicklung im Raffineriegeschäft und in einigen Regionen. Man sei auf gutem Wege, die Synergieziele der Fusion zu erreichen oder zu übertreffen.

Insgesamt läuft das Geschäft indes schlechter als erwartet. So verbuchte Lyondellbasell im ersten Quartal 2008 einen negativen operativen Cash-Flow. Und das zweite Quartal dürfte kaum besser ausgefallen sein. Heikel ist das aus Sicht der Rating-Agenturen vor allem deshalb, weil damit kein Schuldenabbau in Sicht ist, während eine Abkühlung in der Petrochemie-Konjunktur ab 2009 droht. "Der Konzern läuft damit Gefahr, mit einer viel zu hohen Schulden- und Zinsbelastung in den Abschwung zu gehen", warnt Tobias Mock, Chemieexperte der Ratingagentur Standard & Poor?s.

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