Serie: Deutschland ungeschminkt
Industrie sucht Schutz vor Klimaschutz

Umweltschutz und industrielle Entwicklung stehen sich oft konträr gegenüber. Gerade die jüngsten politischen Forderungen bringen einige Unternehmen in eine komplizierte wirtschaftliche Situation.
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Wenn Michael Träger an das Jahr 2013 denkt, beschleicht ihn ein ungutes Gefühl. Denn der Geschäftsführer von Vestolit, einem Chemieunternehmen im nordrhein-westfälischen Marl, weiß, dass die Firma mit ihren 650 Beschäftigten dann gewaltige zusätzliche Kosten tragen muss. Kosten, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens deutlich schwächen werden.
Grund für die neuen Belastungen sind die Bemühungen der Bundeskanzlerin um den Klimaschutz. Um 40 Prozent, so hat es Angela Merkel angekündigt, sollen die Kohlendioxidemissionen in Deutschland bis zum Jahr 2020 gesenkt werden. Die EU ist weniger ehrgeizig, ihr reichen 20 Prozent im selben Zeitraum.
Auch Träger will das Klima schützen. Doch ungerecht behandelt fühlt er sich trotzdem: Die Industrie müsse alleine für das geradestehen, was die Politik sich ausdenkt, so Träger. „In manchen Teilen der Politik fehlt das Verständnis dafür, dass man die energieintensiven Unternehmen nicht beliebig belasten darf, wenn man den industriellen Kern Deutschlands erhalten will“, sagt der Manager.
Träger steht nicht allein mit seinen Sorgen. Manager vieler energieintensiver Unternehmen geht es ähnlich. Es sind Unternehmen, die Deutschlands industriellen Kern ausmachen – das sind die Branchen Baustoffe, Chemie, Glas, Nicht-Eisen-Metalle, Papier und Stahl. Sie erwirtschaften einen jährlichen Umsatz von mehr als 300 Milliarden Euro – oder 19 Prozent des Umsatzes des gesamten verarbeitenden Gewerbes. Sie investieren derzeit noch jährlich über zehn Milliarden Euro am Standort Deutschland. Sie geben jedes Jahr 15 Milliarden Euro für Energie aus, Tendenz steigend. Sie beschäftigen an die 900.000 Menschen. Ihre Produkte stehen am Anfang der industriellen Wertschöpfungsketten. Es ist fraglich, ob sie in Deutschland eine Zukunft haben. Für Neuinvestitionen jedenfalls wird der Standort zunehmend unattraktiv. Auf diese Weise droht ein schleichender Erosionsprozess.
Die energieintensiven Unternehmen müssen für Produktionsprozesse Emissionszertifikate kaufen, die in den kommenden Jahren knapp und damit teurer werden dürften. Doch es geht nicht nur um die direkten Kosten, die für den Kauf der Zertifikate anfallen. Hinzu kommen die indirekten: Weil die Energiekonzerne ihre eigenen Zertifikatekosten auf den Strompreis aufschlagen, erhöht sich die Stromrechnung für ihre Kunden aus der Industrie drastisch.

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  • Die Wirtschaft fühlt sich doch immer ungerecht behandelt. Tatsache ist doch, dass der Klimawandel eine unvorstellbar dramatischer Entwicklung ist, und zwangläufig in allen Ländern zu C02-Einsparungen führen muss. Auch Asien wird sich vor Einsparungen über kurz oder lang nicht drücken können. Deshalb sollte die europäische Industrie nicht jammern, sondern intensiv in die Forschung von Einspartechniken investieren. So wird sie in wenigen Jahrzehnten, wenn weltweit alle einsparen MÜSSEN, einen massiven Wettbewerbsvorteil haben.

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