Service vor Ort
Die Rüstungsindustrie geht an die Front

Weil große Beschaffungsaufträge immer seltener werden, geht die deutsche Rüstungsindustrie neue Wege. Und die führen an die Front. Krauss-Maffei wartet Panzer in Afghanistan, Rheinmetall betreibt am Hindukusch Drohnen: Das Outsourcen militärischer Aufgaben ist ein Zukunftmarkt. Die Umsätze steigen rasant.
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MÜNCHEN/FRANKFURT. Wenn es dunkel wird am Hindukusch, bricht die Stunde der Blaumänner aus München an. In langen Reihen stehen die Fahrzeuge der Bundeswehr im Feldlager Masar-i-Sharif, und die Techniker von Krauss-Maffei-Wegmann machen sich an die Arbeit: Achsen werden getauscht, Motoren gewartet, und Munition wird nachgeladen. "Sixt-Station" nennen die Soldaten ihren Servicedesk in Blau, der in Afghanistan dafür sorgt, dass die Truppe auch am nächsten Tag mit einsatzbereiten Panzern und Fahrzeugen ausrücken kann.

Jedes zweite "Einsatzfahrzeug" der Bundeswehr in Afghanistan wird mittlerweile von KMW gewartet. Es sind nicht nur die "Dingos" aus eigener Produktion, auch Liebherr, Kärcher und demnächst ein großer Fahrzeughersteller nehmen die KMW-Dienste in Anspruch. Hinzu kommt das Material der Verbündeten, beispielsweise die schweren "Leopard"-Panzer der Kanadier im Süden des Landes.

Die deutsche Rüstungsindustrie geht neue Wege - und die führen auch an die Front. Während in der Heimat die Budgets der Bundeswehr drastisch zusammengestrichen werden, entwickeln KMW, Rheinmetall und der Branchenprimus EADS-Cassidian das Servicegeschäft. Verteidigungsminister zu Guttenberg und seine europäischen Kollegen haben der Branche klargemacht, dass die Zeit der großen Beschaffungsaufträge zu Ende geht. Zwar haben sich die Unternehmen mit dem Schützenpanzer "Puma", dem Kampfflugzeug "Eurofighter" und dem Militärtransporter "A400M" noch einmal milliardenschwere Aufträge gesichert. Doch nach deren Auslaufen fürchtet die Branche ein empfindliches Loch in den Planungen. Finden die Unternehmen keine neuen Erlösquellen, droht ein Absturz wie nach dem Ende des Kalten Krieges.

Katalysator der neuen Wirklichkeit

Die Auslandseinsätze der Bundeswehr sind ein Katalysator der neuen Wirklichkeit. Krauss-Maffei-Wegmann geht mit seinen Serviceleistungen besonders weit: Wo kein Spezialist vor Ort ist, kommt der virtuelle Pannendienst zum Einsatz. Per Helmkamera übertragen die Soldaten technische Probleme über Satellit zu den KMW-Technikern, die aus den Feldlagern erste Hilfe leisten. Kann der nicht helfen, wird direkt nach München durchgestellt.

"Service im Einsatz ist eine unserer strategischen Stellgrößen im Unternehmen, die wir zukünftig noch weiter ausbauen werden", sagt Frank Haun, Geschäftsführer von KMW. Rund 1,2 Milliarden Euro hat der Rüstungshersteller 2009 umgesetzt, etwa zehn Prozent der Erlöse stammen aus dem Servicegeschäft. KMW steht stellvertretend für die Branche, die sich umstellen muss. In Zeiten knapper Kassen ist der reine Verkauf von Panzern, Raketen und Kampfflugzeugen ein Auslaufmodell. Wird die Bundeswehr aber wie erwartet verkleinert, dann ergeben sich neue Geschäftschancen für die Branchengrößen.

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  • Ein militärisches ADAC für die bundeswehr ist ja schön und hat zunächst Vorteile. Aber ein Abzug aus Kriegsgebieten darf dann nicht erfolgen, wenn die Rüstungsindustrie hier lange punkten will. Aber erst einmal müssen Soldaten gefunden werden, die Grundgesetzwidrig als Kampfverbände zum Kriegseinsatz zusammen gestellt werden. Aber mit der Umgehung des Grundgesetzes haben alle kein Problem.

  • Tja, was aber wenn einmal "unter Feuer" instandgesetzt werden muß? Hat die bw überhaupt noch die Fähigkeit, eigenes Material instand zu setzen? in wie weit kann ziviles Personal "befohlen" werden?

    ich sehe das "contracting" von Kernkompetenzen sehr kritisch.

  • Na hoffentlich denkt die bundeswehr in den Verträgen an ein Wettbewerbsverbot. Wäre ja irgendwie absurd, wenn irgendwann die Servicetechniker von Cassidian oder KMW zwischen den Feldlagern der Kriegsgegner hin- und herwechseln und abwechselnd die Fahrzeuge beider Seiten warten, die Aufklärung für beide Seiten übernehmen oder das Material "des Feindes" von München aus ferngewartet wird. Obwohl man natürlich gerade bei der Aufklärung massive Synergieeffekte erzielen könnte.

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