Der traditionsreiche Münchener Technologiekonzern Siemens
wird seit Herbst 2006 von einer Reihe von Korruptionsaffären erschüttert. Den ehemaligen Vorstands- und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer sieht die Staatsanwaltschaft München aber weiterhin nicht als Hauptfigur in der Affäre. Eine Chronik der bisherigen Ereignisse:
- 15. November 2006: Die Staatsanwaltschaft München durchsucht mit mehreren hundert Ermittlern Siemens
-Büros in Deutschland und Österreich nach Hinweisen auf Schmiergeldzahlungen. Mehrere aktive und ehemalige Manager werden verhaftet.
- 22. November: Die Staatsanwaltschaft beziffert die Summen in den schwarzen Kassen auf rund 200 Mill. Euro. Der ehemalige Zentralvorstand Thomas Ganswindt kommt vorübergehend in Haft. Die Behörden leiten Ermittlungen gegen den früheren Finanzchef Heinz Neubürger-Joachim ein.
- 11. Dezember: Siemens
muss auf Grund der Korruptionsaffäre die Bilanz für das Geschäftsjahr 2005/06 korrigieren. Finanzchef Joe Kaeser überprüft fragwürdige Zahlungen über 420 Mill. Euro. Konzernchef Klaus Kleinfeld kündigt einen rigorosen Kampf gegen illegale Geschäftspraktiken und schärfere Kontrollen an.
- 14. Februar 2007: Die Staatsanwaltschaft Nürnberg durchsucht Firmenräume in Erlangen, Nürnberg und München wegen eines neuen Schmiergeldverdachts. Die Razzia steht Zusammenhang mit Zahlungen über 34 Mill. Euro an dem damaligen Chef der "Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger" (AUB), Wilhelm Schelsky. Der Unternehmensberater sitzt seither in Untersuchungshaft.
- 27. März: Vorstand Johannes Feldmayer wird verhaftet. Er soll den Ermittlern zufolge für die Zahlungen an Schelsky verantwortlich sein. Nach seiner vorübergehenden Festnahme wird er als Siemens
-Vorstand suspendiert und scheidet später aus.
- 19. April: Siemens
-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer kündigt seinen Rücktritt zum 25. April an, ohne Eingeständnis einer persönlichen Verantwortlichkeit für die Korruptionsfälle.
- 25. April: Der Siemens
-Aufsichtsrat wählt den früheren Chef des Stahlkonzerns ThyssenKrupp, Gerhard Cromme, zum Nachfolger von Pierers an die Spitze des Kontrollgremiums. Am selben Tag kündigt Vorstandschef Kleinfeld seinen Rücktritt an. Eine Verstrickung Kleinfelds in die Skandale ist bislang nicht bekannt.
- 20. Mai: Der Aufsichtsrat beruft Peter Löscher, Manager beim US-Pharmakonzern Merck, zum Siemens
-Vorstandschef. Er tritt das Amt zum 1. Juli an.
- 4. Oktober: Das Landgericht München stellt die Korruptionsermittlungen gegen Siemens
gegen eine Geldbuße von 201 Mill. Euro ein. Staatsanwälte und Steuerfahnder gehen von schwarzen Kassen über 450 Mill. Euro aus.
- 24. Januar 2008: Die Hauptversammlung vertagt die Entlastung der früheren Vorstände und von Pierers. Sein Nachfolger Cromme kündigt Gespräche mit der US-Börsenaufsicht über die zu erwartende Strafe an.
- 14. April 2008: Die Staatsanwaltschaft weitet ihre Ermittlungen auf zusätzliche Siemens
-Bereiche aus und nimmt auch den ehemals für die Energieverteilungssparten verantwortlichen früheren Vorstand Uriel Sharef in den Kreis der Beschuldigten auf.
- 23. April 2008: Medizintechnik-Vorstand Erich Reinhardt erklärt seinen Rücktritt, nachdem die Juristen Korruptionsfälle in seinem Zuständigkeitsbereich aufdecken.
- 30. April: Siemens
beziffert die Gesamtkosten durch die Korruptionskrise auf 1,3 Mrd. Euro. Hinzu kommt eine Steuernachzahlung über 520 Mill. Euro.
- 9. Mai 2008: Die Staatsanwaltschaft München prüft, ob der einstige "Mr. Siemens" in der Affäre seine Aufsichtspflicht als Vorstand verletzt hat. Strafrechtlich sei ihm weiterhin nichts vorzuwerfen.

