In dem Brief an die Topmanager räumt Löscher auch mit der Behauptung auf, die ursprünglich von der Siemens-Führung um von Pierer vertreten wurde: es habe sich um die Machenschaften verschworener Einzeltäter gehandelt. „Was da stattgefunden hat, nicht in wenigen Einzelfällen, sondern vielfach und über längere Zeit, sind keine Kavaliersdelikte“, schreibt Löscher. „Niemand kann das mit einfachem Bedauern abhaken. Noch nie in der Geschichte unseres Hauses hatten wir eine solche Krise zu bewältigen, und die Nachwirkungen werden uns noch lange beschäftigen.“
Unternehmenskreise werten das Schreiben als Zeichen der neuen Konzernführung gegenüber der US-Börsenaufsicht, mit der Korruptionspraxis endgültig aufzuräumen. Man werde von im Konzern sich von „unten nach oben“ vorarbeiten, heißt es aus internen Ermittlerkreisen. Hilfreiches Instrument ist dafür eine Art „Kronzeugenregelung“, die der neue Rechtsvorstand, der Amerikaner Peter Solmssen, durchgesetzt hat.
Als äußerst hilfreich für die internen Ermittlungen gilt der Vergleich, den Siemens vor Weihnachten mit dem langjährigen Chefjuristen des Konzerns, Albrecht Schäfer, geschlossen hat. Dieser gilt als eine der Schlüsselfiguren der Skandale, lange Jahre war er auch für die interen Ermittlungen im Konzern verantwortlich. Siemens hatte Schäfer im August fristlos gekündigt, sich dann aber außergerichtlich mit ihm verglichen. Der langjährige Chefjustiziar wird wieder beschäftigt, dafür erklärt er sich bereit, an der lückenlosen Aufklärung des Skandals mitzuwirken. Intern heißt es, dies sei der bislang „größte Erfolg“ für die Aufarbeitung des Skandals.
Einen weitern Brief schrieb Löscher an die gesamte Mitarbeiterschaft. Er ist insofern bemerkenswert, als darin von der Vergangenheitsbewältigung kaum mehr die Rede ist. Vielmehr schwört die neue Führung die Siemens AG nach dem Rekordjahr 2007 auf neue geschäftliche Bestleistungen ein. Künftige Generationen würden mit Stolz auf dieses Jahr zurückblicken, schreibt er.

