Siemens-Chefermittler Hershman
Balsam für Heinrich von P.

Anfang der 70er-Jahre war er schon Mal in good old Germany, es ging noch um „Rudi the Red“ Dutschke und seine Kumpanen. Damals arbeitete Michael Hershman für den US-Militärgeheimdienst. Heute heißen die Leute Michael K. oder Reinhard S., der Auftraggeber auf Stundenbasis heißt Siemens, es geht um schwarze Kassen. Aber nicht nur. Siemens’ Ruf steht auf dem Spiel, Hershman soll das richten.

MÜNCHEN. Den Auftrag hat der 61 Jahre alte Amerikaner verstanden. Sein Auftritt muss Balsam auf die skandalgeschundenen Gemüter der Siemens-Führung gewesen sein. Zwar kündigte er einerseits eine völlig unabhängige Untersuchung der Vorfälle und die natürlich lückenlose Aufklärung an. Andererseits verteidigte der Amerikaner, der als Mitbegründer der Antikorruptionsagentur Transparency International in Amerika als einer der Großen auf dem Gebiet gilt, den Konzern und seine Führung gegen die Generalkritik der letzten Tage.

Ein Unternehmen mit 475 000 Beschäftigten weltweit könne nur hoffen, dass seine Botschaften in der Belegschaft auch verstanden würden. „Man kann Rechtschaffenheit nicht per Dekret durchsetzen“, so eine der Erfahrungen des Amerikaners. Auch der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer, in dessen Amtszeit als Vorstandschef die schwarzen Kassen eingerichtet wurden und dessen Rücktritt schon gefordert wird, durfte sich bestätigt fühlen.

Hershman versprach, schnell ans Werk zu gehen. Es werde nicht Jahre und nicht einmal Monate dauern, bis erste Ergebnisse vorlägen. Er will die Revisionsprozesse überprüfen, die Anti-Korruptionsregeln im Konzern bewerten und natürlich vor allem den Fortgang der Ermittlungen im Strafverfahren gegen die Beschuldigten begleiten. Zu allererst aber will er die von Korruption besonders „belasteten“ Länder besuchen.

US-Börsenaufsicht beschwichtigen

Vor wenigen Tagen hat Siemens-Chef Klaus Kleinfeld, in Corporate America bestens vernetzt, bei Hershman angeklopft. Die Antwort kam schnell. Zweifellos ist der Amerikaner für den Konzern nun eine Art Qualitätsetikett in Richtung der US-Börsenaufsicht SEC, deren Ermittlungen Siemens zu fürchten hat: Seht her, wir meinen es ernst.

Doch Hershman ist auch „Businessman“, er weiß, dass sein Auftraggeber mehr erwartet als Defensive. Für Siemens zum jetzigen Zeitpunkt zu arbeiten, sei eine „Chance, die sich nur einmal im Leben bietet“. Siemens habe sich vorgenommen, eine der führenden Kräfte für gute Unternehmensführung in der Welt zu werden. Das war angesichts der 420 Mill. Euro, die womöglich in den schwarzen Kassen versickert sind, eine mutige Botschaft. Doch damit hatte es sein Bewenden noch nicht. Im Stil eines Sonntagpredigers appellierte er an alle Siemensianer: „Wenn ihr etwas wisst, dann kommt zu mir, glaubt nicht, es werde schon vorbeigehen. Nein, alles kommt heraus.“

Ob Hershman wirklich weiß, was Steffen Ufer, der Verteidiger eines der Hauptbeschuldigten, kürzlich behauptet hat? „Bis auf die Putzfrau“, so Ufer, habe fast jeder im Konzern von illegalen Provisionen gewusst.

So oder so, Hershman wird sich über zu wenig Arbeit nicht beklagen können.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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