0 Bewertungen
24.07.2007 
Frankreich

Siemens droht Aus bei Areva NP

von Ruth Berschens und Joachim Hofer

Paris plant angeblich eine Neuordnung in der französischen Nuklearwirtschaft – unter Ausschluss von Siemens. Das Gerücht, dass das deutsche Unternehmen seine Anteile am Kraftwerkshersteller Areva per Kaufoption an die Regierung Sarkozy abtreten muss, hält sich hartnäckig. Für Siemens geht es dabei um ein recht gut laufendes Geschäft.

PARIS/MÜNCHEN. Alle Beteiligten winken ab: „Veränderungen im Kapital von Areva NP stehen nicht auf der Tagesordnung“, sagte gestern ein Sprecher von Areva, dem französischen Unternehmen, das weltweit zu den führenden Herstellern von Kernkraftwerken gehört. Auch der Münchener Siemens-Konzern, mit 34 Prozent an der Kraftwerks- und Brennstofftochter von Areva beteiligt, will von einer Neuordnung unter den Anteilseignern nichts wissen.

Und doch: Seit Wochen wird darüber spekuliert, der neue französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy wolle Siemens aus Areva NP mit ihren 15 500 Mitarbeitern herausdrängen will. Es heißt, Sarkozy wolle die staatliche Kaufoption für das Areva-Aktienpaket von Siemens wahrnehmen. Eine Bestätigung dafür steht aber aus. Der Elysée-Palast reagierte bis Reaktionsschluss nicht, eine Anfrage des Handelsblatts blieb unbeantwortet.

Hinter den Kulissen mehren sich schon seit längerer Zeit die Anzeichen, dass sich in Frankreich eine Neuordnung der mächtigen Nuklearwirtschaft anbahnt. Dabei geht es um einen möglichen Zusammenschluss von Areva mit dem Baukonzern Bouygues und dem Turbinenbauer Alstom.

Alle drei Unternehmen sind offenbar daran interessiert, gemeinsam Atomkraftwerke der dritten Generation zu bauen, die so genannten Europäischen Druckwasserreaktoren (EPR). Der erste EPR auf französischem Boden soll in Flamanville am Ärmelkanal entstehen. Die Baugenehmigung dafür hat die französische Regierung unlängst erteilt.

Der mit Präsident Sarkozy eng befreundete Bauunternehmer Martin Bouygues hat sein Interesse an einem Einstieg bei Areva bereits mehrfach öffentlich bekundet. Darauf reagierte Areva zunächst reserviert. Doch mittlerweile scheint sich Areva-Chefin Anne Lauvergeon mit dem Gedanken anzufreunden. In Paris ist von einer „industriellen Kooperation“ zwischen den beiden Unternehmen die Rede, die in eine weiter gehende Partnerschaft münden könne. In diese Partnerschaft könnte Bouygues seinen Anteil von 25 Prozent am Aktienkapital von Alstom einbringen, womit die Annäherung zwischen allen drei Konzernen perfekt wäre.

Dass sich Siemens dem französischen Druck schnell beugt, ist allerdings nicht zu erwarten. Erst vor zwei Wochen betone Klaus Voges, der Chef der Kraftwerkssparte, dass der Konzern an der Beteiligung festhalten werde. Denn der Anteil hat auch strategische Bedeutung: So liefern die Deutschen die Turbinen für den konventionellen Teil von Kernkraftwerken von Areva NP.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Siemens profitiert von Kernkraft

Bei Siemens heißt es, in jüngster Zeit habe es keine Verhandlungen gegeben. Ohnehin könne die Kaufoption erst 2012 ausgeübt werden. Allerdings sei man immer in Kontakt mit den Franzosen.

Siemens genießt in französischen Regierungskreisen nicht den besten Ruf. Staatschef Sarkozy brüstete sich im Wahlkampf damit, den Einstieg von Siemens bei Alstom im Jahr 2004 erfolgreich verhindert und damit französische Arbeitsplätze gerettet zu haben. In Sarkozys Umgebung wird Siemens bis heute vorgeworfen, damals eine feindliche Übernahme gegen Alstom geplant zu haben.

Kritik an Siemens gab es in Frankreich außerdem im Zusammenhang mit der von der EU-Kommission verbotenen Fusion der Konzerne Schneider und Legrand. Siemens habe die EU-Kommission damals mit Informationen beliefert, die schließlich zu dem Fusionsverbot geführt hätten, heißt es in Paris. Der Europäische Gerichtshof hob das Fusionsverbot später auf.


Siemens profitiert – noch – von der Kernkraft

Die Anteile: Der Münchener Siemens-Konzern baut selbst keine Kernkraftwerke mehr. Das gesamte Geschäft in diesem Bereich hat das Unternehmen an die französische Areva abgegeben. Daran hält Siemens 34 Prozent der Anteile. Wichtigster deutscher Areva-Standort ist Erlangen.

Die Strategie: Siemens ist bei Areva-Aufträgen oft mit an Bord, weil die Deutschen ein wichtiger Lieferant der nicht-nuklearen Teile eines Kraftwerks sind. Insofern profitiert auch Siemens von neuen Kernkraftwerken.

Die Zukunft: Weltweit werden wieder zahlreiche neue Kernkraftwerke gebaut. Gestern kündigte etwa Mitsubishi an, dass die Umsätze in der Nuklearsparte in den nächsten zehn Jahren um das Dreifache steigen sollen. Im März verkauften die Japaner zum Beispiel zwei Reaktoren in die USA. Von dem weltweiten Trend zu neuen Kernkraftwerken verspricht sich auch Areva eine kräftige Belebung des Geschäfts.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterKöpfe

Herbert Walter: Der Hyper-Perfektionist  Artikel in Merkliste

Herbert Walter hat mit unermüdlicher Arbeit die Dresdner Bank vor dem Kollaps gerettet – doch am Ende hat das wohl nicht gereicht, um aus der Bank eine Erfolgsstory für die Allianz zu machen. Mit dem mittlerweile fast sicheren Verkauf des Instituts an die Commerzbank steht ihm die größte Niederlage seines Lebens bevor. Artikel


Anzeige