Siemens-Großprojekt Merkel weiht Baustelle in Ägypten ein

Für Siemens ist es der wichtigste Auftrag der Firmengeschichte. In der Wüste vor Kairo bauen die Münchener das größte Gaskraftwerk der Welt. Kanzlerin Merkel weiht die Baustelle mit Ägyptens Staatschef per Videolink ein.
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Angela Merkel und Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sissi weihen vom Präsidentenpalast aus per Videolink ein Siemens-Großprojekt ein. Quelle: AFP
Bundeskanzlerin

Angela Merkel und Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sissi weihen vom Präsidentenpalast aus per Videolink ein Siemens-Großprojekt ein.

(Foto: AFP)

KairoIm Inneren des blauen Stahlkastens summt und wummert es. Die ersten beiden Turbinen arbeiten bereits, draußen am Zaun warnen Schilder vor ihrer frisch erzeugten Hochspannung. Auf riesigen Bildschirmen halten die Techniker im Kontrollzentrum das nagelneue Geschehen im Blick. 30 Autominuten vor den Toren der 25-Millionen-Metropole Kairo baut Siemens in der Wüste das größte Gaskraftwerk der Welt.

Gleichzeitig entstehen zwei baugleiche Schwestergiganten in Beni Suef am Nil und in Borollos am Mittelmeer, die einmal Strom für 45 Millionen Menschen liefern können. Das entspricht der Hälfte der ägyptischen Bevölkerung. 14.400 Megawatt werden die drei Ende 2018 produzieren und damit die gesamte Stromversorgung des Landes anders organisieren – für Ägypten ein Projekt der Superlative und für Siemens der größte Auftrag in seiner Firmengeschichte. Obendrein will der Münchner Konzern noch zwölf Windparks errichten, die weitere 2.000 Megawatt beisteuern.

Die Stimmung auf der Baustelle „New Capital“ ist entspannt und gelassen. Alles befindet sich im Zeitplan, auch Siemens-Chef Joe Kaeser ist angereist. Stolz führen die Ingenieure Besucher durch die 1,3 Kilometer lange Anlage, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sissi vom Präsidentenpalast aus per Videolink offiziell einweihen. Damit geht das erste Drittel der geplanten Gesamtkapazität offiziell ans Netz.

Ein Weltkonzern in stetem Wandel
1847
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Werner von Siemens wurde 13. Dezember 1816 in Niedersachsen geboren. Nach der Konstruktion des Zeigertelegrafen gründet er im Oktober 1847 zusammen mit dem Feinmechaniker Johann Georg Halske die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ in Berlin. Der heutige Siemens-Chef Joe Kaeser betont gern, dass der Konzern in Berlin in einem Hinterhof gegründet wurde, als es im Silicon Valley noch gar keine Garagen gab. Auch Siemens war einmal ein Start-up, soll das heißen.

1866
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Die Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips im Jahr 1866 legt die Basis für den Einsatz der Starkstromtechnik. Die Elektrifizierung ist bis heute neben der Industrieautomatisierung und der Medizintechnik zentrales Standbein des Technologiekonzerns.

1879
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Auf der Berliner Gewerbeausstellung 1879 präsentiert Siemens & Halske die erste elektrische Eisenbahn der Welt mit Fremdstromversorgung. Heute macht Siemens mit Hochgeschwindigkeitszügen, U-Bahnen und anderen Zügen Milliardenumsätze. Die Sparte wurde durch den Kauf des Bahngeschäfts des britischen Invensys-Konzerns zudem in der Signal- und Leittechnik gestärkt. Allerdings ist die langfristige Zukunft der Sparte offen, Siemens hatte sich schon öfter nach Partnern umgesehen, um zum Beispiel einen europäischen Bahnchampion nach dem Vorbild von Airbus zu formen. 1903 werden die Starkstromabteilungen von Siemens & Halske mit der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vorm. Schuckert & Co. zur Siemens-Schuckertwerke GmbH fusioniert.

1919
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1919 schließen sich die führenden Glühlampenhersteller Deutschlands zur Osram GmbH KG zusammen. Siemens & Halske ist mit 40 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen beteiligt. Später wird Siemens Alleineigentümer von Osram – bis sich der Konzern entschied, die Tochter an die Börse zu bringen. Noch hält Siemens 17,5 Prozent an der Osram Licht AG, wird sich aber wohl in absehbarer Zeit auch von dieser Restbeteiligung trennen.

1932
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1932 gründet Siemens zusammen mit der Erlanger Firma Reiniger, Gebbert & Schall die Siemens-Reiniger-Werke AG. Das Joint Venture entwickelt sich rasch zu einer führenden elektromedizinischen Spezialfirma. Die Medizintechnik gilt heute als Ertragsperle im Konzern. Vorstandschef Joe Kaeser hat angekündigt, sie an die Börse zu bringen. Mit einem Wert von 25 bis 30 Milliarden Euro könnte sie den Einzug in den Dax schaffen. Während des Zweiten Weltkriegs beschäftigt Siemens auch Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in seinen Werken. Zu Kriegsende ist auch Siemens in der Existenz bedroht. Die meisten Gebäude und Werksanlagen sind zerstört, das Vermögen wird konfisziert.

1945
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Teile der Unternehmensführung werden noch im Februar 1945 nach München, Mülheim a.d. Ruhr und Hof verlagert. Siemens & Halske bekommt den Hauptsitz in München, die Siemens-Schuckertwerke in Erlangen. Berlin bleibt jeweils zweiter Firmensitz. In diesem Jahr eröffnete Konzernchef Joe Kaeser die neu gebaute Konzernzentrale am Wittelsbacher Platz in München.

1966
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Die Unternehmensteile werden zusammengelegt. Zum 1. Oktober 1966 wird die Siemens Aktiengesellschaft gegründet. 1969 gründen Siemens und die AEG die Kraftwerk Union AG. Im Jahr 2001 ging Siemens auch an die US-Börse. 2014 kündigte der Konzern aber den Rückzug von der Wall Street an. Die Kosten für eine US-Notierung sind hoch, der Nutzen aber überschaubar.

Eigens für den Festakt wurden auf dem Wüstenboden Rasenplatten ausgelegt und eine deutsch-arabische Gedenktafel mit goldenen Lettern installiert. Von den umliegenden Gerüsten hängen ägyptische Fahnen herab. „Eine solche Baustelle hatten wir noch nie“, sagt der Siemens-Konstruktionschef Angelo Panayides, ein Brite, der aus Griechenland stammt und dessen Frau und Kinder auf Zypern leben.

Alle drei Kraftwerke werden in Weltrekordzeit gebaut. Die Gasturbinen sind noch nie zuvor verwendete Giganten mit sechs Metern Durchmesser und einem Gewicht von 500 Tonnen, die von Berlin und Mülheim aus über den Hafen Alexandria herangeschafft werden. Erst vor 19 Monaten, im Juli 2015, betrat Angelo Panayides zum ersten Mal ägyptischen Boden, um die drei Bauflächen abzustecken und zu begutachten. „Hier war nichts als platte Wüste“, sagt er. Heute ist der Kraftkoloss mit seinen orange-weißen Schornsteinen kilometerweit zu sehen.

Rund 5.000 Menschen arbeiten auf dem Gelände, in den beiden Schwesterwerken Beni-Suef und Borollos sind es weitere 20.000. Die meisten sind Ägypter der Baufirma Orascom, die für den Beton- und Stahlbau verantwortlich ist. Das technische Innenleben dagegen, die Gas- und Dampfturbinen, die Transformatoren, die Kühlanlagen sowie die gesamte Computersteuerung kommen von Siemens.

Jedes Teil muss aus Deutschland geliefert und vor Ort eingebaut werden. 13.000 Container sind im Einsatz, für jedes der drei Kraftwerke werden 120.000 Tonnen Material importiert. Zum Schluss werden die Gasturbinen mit Dampfturbinen gekoppelt, um die erzeugte Hitze optimal zu nutzen. Den Wirkungsgrad steigert das auf 60 Prozent, ein Drittel höher als in den bisherigen ägyptischen Anlagen. Beim Gaseinsatz spart das Land dadurch 1,2 Milliarden Euro pro Jahr, sodass sich die Investitionskosten von sechs Milliarden Euro bereits nach fünf Jahren amortisieren.

Olaf von Hofa gehört zu den Siemens-Spezialisten, die jede fertiggestellte Partie intensiv prüfen, bevor sie in Betrieb geht. Er fing vor über zwanzig Jahren bei Siemens in Berlin an, damals als Christo den Reichstag mit seinem silberglänzenden Stoff verpackte. Jetzt prüfen er und sein Team in monatelanger Detektivarbeit jede Pumpe, jedes Ventil und jedes Stromkabel, bevor sich die Turbine zum ersten Mal drehen darf.

Einen Tag in der Woche haben die Ingenieure frei, sodass auch etwas Zeit bleibt, die Baukunst ihrer pharaonischen Vorgänger zu bewundern. Als die Andenkenhändler beim Besuch der Pyramiden erfuhren, dass er an den Siemens-Kraftwerken beteiligt ist, strahlten ihre Gesichter – und sie zeigten sich ungewöhnlich großzügig, wie Olaf von Hofa erzählt. „Beim Bakschisch bekamen wir dann einen Rabatt.“

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