Egal, wie der Siemens-Aufsichtsrat am heutigen Mittwoch die offene Führungsfrage entscheidet – dem Technikriesen bietet sich in den kommenden Monaten die Chance für eine gründliche personelle Neuordnung an der obersten Führungsspitze. Denn nicht nur der Vertrag von Konzernchef Klaus Kleinfeld läuft bald aus.
MÜNCHEN. Bis Anfang kommenden Jahres müssten die Verträge von vier der zehn Vorstände erneuert werden: von Europa-Vorstand Johannes Feldmayer, von Personalvorstand Jürgen Radomski, von Kraftwerks-Vorstand Uriel Sharef und Automatisierungs-Vorstand Klaus Wucherer.
Doch das sind nicht die einzigen personellen Unwägbarkeiten. Immer wieder ist im Umfeld der Ermittlungen zum Schmiergeldskandal im Bereich Com zu hören, dass auch Finanzchef Joe Kaeser und der unter anderem für Afrika und die GUS-Staaten zuständige Rudi Lamprecht ins Visier der Ermittler geraten könnten. In Justizkreisen heißt es, Kaeser sei bereits zur Vernehmung einbestellt worden, doch sei der Termin kurzfristig abgesagt worden. Sollten weitere Vorstände von den Ermittlungen berührt werden, würde die Lage in der Spitze des Konzerns natürlich noch zusätzlich verschärfen.
Für Johannes Feldmayer, den nach Kleinfeld und Kaeser jüngsten Siemens-Vorstand, ist die Lage ohnehin bedrohlich. Seine Aufgaben lässt er ruhen, seit er kurz vor Ostern im Zuge der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Nürnberg in Untersuchungshaft musste, aus der er zwischenzeitlich wieder frei kam. Feldmayer soll 2001 einen Beratervertrag mit dem Gründer der Arbeitnehmerorganisation AUB unterzeichnet haben, der noch immer in U-Haft sitzt. Die Ermittler nehmen an, dass Siemens mit den Beraterverträgen indirekt die Arbeit der unternehmensfreundlichen AUB gefördert hat.
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Vor drei Jahren war der heute 50 Jahre alte Feldmayer als einziger ernst zu nehmender Konkurrent Klaus Kleinfelds um die Nachfolge Heinrich von Pierers. Im Umfeld des Unternehmens gilt es indes als unwahrscheinlich, dass Feldmayer bei Siemens eine Zukunft hat – gleichwohl er als gewissenhafter Manager gilt und zahlreiche Sanierungserfolge aufzuweisen hat.
Bei Personalchef Radomski spricht schon sein Alter – er wird 66 – gegen eine weitere Verlängerung seines Mandats, das zum Jahresende ausläuft. Radomski, der als enger Vertrauter des zurückgetretenen Aufsichtsratschefs Heinrich von Pierer gilt und kurz als dessen Nachfolger gehandelt wurde, hatte seinen Vertrag 2006 ausnahmsweise um ein Jahr verlängert.
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Am 31. März kommenden Jahres stehen dann die Verträge von Klaus Wucherer, 62, und Uriel Sharef, ebenfalls 62, zur Erneuerung an – wobei für Siemens-Vorstände offiziell eine Altersgrenze von 65 gilt. Wucherer hat den Bereich Industrieautomatisierung (A&D) saniert und zu großen Erfolgen geführt, er gilt als von den Skandalen bislang unbelastet und deshalb als feste Bank innerhalb des Zentralvorstands. Eine Verlängerung seines Auftrages wäre also durchaus möglich.
Uriel Sharef hat in einem weiteren Schmiergeldverfahren, in dem derzeit vor dem Landgericht Darmstadt zwei ehemaligen Siemens-Managern der Kraftwerkssparte der Prozess gemacht wird, aussagen müssen. Er ist also zumindest im Umfeld der Schmiergeldaffären in Erscheinung getreten. Das schwächt die Position des gebürtigen Israelis, der im Zentralvorstand seit Jahren die Kraftwerkssparte betreut.
Joe Kaeser, 49, seit nicht einmal einem Jahr Finanzchef des Konzerns, ist bisher nicht direkt vom Schmiergeld-Skandal betroffen worden. Allerdings durchforstet die Staatsanwaltschaft München derzeit die Geschäfte der Mobilfunksparte des Skandalbereichs Com. Hier war Kaeser über Jahre als kaufmännischer Bereichsvorstand tätig. Im Umfeld der Ermittlungen heißt es, ein direkter Mitarbeiter Kaesers habe in den vergangenen Tagen umfassend ausgesagt.
Führungsstruktur bedarf der Renovierung
„Angesichts der Vielzahl ungeklärter Fragen wirkt unsere Führung wie blockiert“, sagte ein Siemensianer am Mittwoch. Umso mehr stellen sich Beobachter die Frage, ob die Struktur an der Spitze des Konzerns, die im Kern seit Ende der 80er Jahre besteht, nicht einer gründlichen Renovierung bedarf und jetzt auch die Zeit dafür wäre. Dem Vernehmen nach soll Klaus Kleinfeld eine Neuordnung längst vorbereitet haben.
Dem Zentralvorstand als originäres Siemens-Führungsgremium gehören laut Satzung neun Mitglieder des Vorstands an, die er aus seiner Mitte wählt. Ihm unterstehen die Zentralabteilungen von Siemens wie Konzernentwicklung, Personal oder Finanzen; außerdem betreuen einzelne Zentralvorstände die heute zehn Geschäftsbereiche. Sie üben dabei keine direkte geschäftliche Verantwortung aus, sondern kontrollieren und koordinieren die Arbeit der Bereiche.
Die Bereiche hingegen haben weitgehend eigenständige unternehmerische Verantwortung. Ihre Chefs, obwohl formal den Zentralvorständen untergeordnet, haben daher innerhalb von Siemens eine starke Stellung. Auch das macht die Führung des Riesenkonzerns mit seinen 475 000 Mitarbeitern so kompliziert.

