Siemens im Umbruch
In der Werkstatt tätiger Reue

Die Korruptionsermittlungen haben Siemens von Grund auf verändert und eines der größten Verhaltensänderungsprojekte in der deutschen Unternehmensgeschichte in Gang gesetzt. Ein Blick hinter die Kulissen.

MÜNCHEN. „Buß’ und Reu’ knirscht das Sündenherz entzwei“ heißt es in der Matthäus-Passion. Dass tätige Reue den Sünder erleichtert und ihn zurück auf den rechten Weg führt, diese Weisheit findet sich an zahllosen Stellen der Bibel. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass es gerade die US-Börsenaufsicht SEC ist, die das Prinzip tätiger Reue in besonderer Weise prominent gemacht hat. Schließlich gilt die SEC im puritanischen Amerika als eine der höchsten Instanzen, die für Rechtschaffenheit stehen.

Das Schriftstück der SEC trägt die Nummer 44969, stammt vom 23. Oktober 2001 und ist ein Schlüsseldokument. Es hat so manchem Manager schon die ein oder andere schlaflose Nacht beschert. Das nur fünf Seiten umfassende Dokument ist der sogenannte Seaboard-Report der US- Börsenaufsicht. In 13 Punkten listet er auf, wie Unternehmen, die in unsaubere Geschäfte verwickelt waren, drohende Strafen abmildern können. Möglicherweise.

Z-Rundschreiben Nummer 39/2007 heißt das Schriftstück, das mit seinen wenigen Zeilen ein Schlüsseldokument der Korruptionsbekämpfung bei der Siemens AG darstellt. Es hat so manchem Verantwortlichen im Hause Siemens schon die ein oder andere schlaflose Nacht beschert. Der Zentralvorstand als oberstes Führungsgremium hat es am 21. August 2007 an den Aufsichtsrat und die wichtigsten Führungskräfte geschickt. Es definiert die Strafen für diejenigen, die gegen die guten Sitten und geltendes Recht (Compliance-Vergehen) verstoßen haben.

„Gemäß Abschnitt A, Ziffer 1 der Business Conduct Guidelines werden gegen jeden Mitarbeiter, der einen Compliance-Verstoß begeht, unabhängig von den gesetzlich vorgeschriebenen Sanktionen, disziplinarische Maßnahmen wegen der Verletzung seiner arbeitsvertraglichen Pflichten eingeleitet“, heißt es da in schwer verdaulichem Siemens-Deutsch. Kommt es also hart auf hart, droht die fristlose Kündigung. Das Rundschreiben ist eine eindeutige Botschaft an alle Mitarbeiter des Konzerns und an die SEC – auf dass dem Konzern weniger harte Strafen ins Haus stehen. Möglicherweise.

Im Januar 2007 ist eines der wohl umfangreichsten Verhaltensänderungsprojekte der deutschen Unternehmensgeschichte in Gang gesetzt worden. Ausgelöst durch die Korruptionsermittlung und die daraus möglicherweise resultierenden Milliardenstrafen durch die SEC hat sich bei Siemens Erstaunliches ereignet. Ein Blick hinter die Kulissen der Großwerkstatt für tätige Reue.

Das Pacelli-Haus in Erlangen ist ein gewöhnliches Hochhaus im Herzen von Erlangen, der heimlichen Siemens-Hauptstadt. Eigentlich residiert in diesem sechsstöckigen Kasten die katholische Hochschulgemeinde. Seit ein paar Wochen aber hat auch die Firma Siemens Räume angemietet. In einem Großraumbüro arbeiten drei Frauen und sieben Männer an einem ganz besonderen Projekt: dem Siemens-Help-Desk.

„Question-Manager“ heißt ihr Job – Frage-Manager. Ihre Aufgabe: Antwort geben auf Fragen wie die, wie hoch denn die Rechnung für ein Mittagessen mit einem potenziellen Kunden etwa in Nigeria ausfallen darf. Siemens hat den „Question-Managern“ schnell klargemacht, für wie wichtig man ihren Job hält. „Hier etablieren sich neue Karriere-Wege“, sagt eine Führungskraft.

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