Siemens-Konzerumbau
„Zum Kuscheln bin ich nicht da“

Unterstützt von einem auf hohen Touren laufenden Geschäft, treibt die Siemens AG den Umbau der Konzernspitze voran. Der seit Januar amtierende Vorstand und Arbeitsdirektor Siegfried Russwurm sagte im Gespräch mit dem Handelsblatt: "Wir flöhen jetzt unsere Stäbe durch." Viele Mitarbeiter müssen sich umstellen.

DÜSSELDORF. Der seit Juli 2007 amtierende Vorstandschef Peter Löscher will die allgemeinen Geschäfts- und Verwaltungskosten bis 2010 um bis zu 20 Prozent oder 2,4 Mrd. Euro drücken. Damit will Löscher das Niveau des Rivalen GE erreichen. Der Konzernumbau von der Spitze her hat somit konkrete Sparziele, die sich in der Führungsspitze des Konzerns auswirken.

"Wir sind da sehr gut unterwegs, schließlich kosten acht Vorstände weniger als elf", sagt Russwurm. Konkrete Ziele für den Personalabbau an der Spitze nennt er nicht. Man werde allen Betroffenen adäquate Alternativen unterbreiten, denn das Unternehmen suche händeringend auf der ganzen Welt nach qualifizierten Kräften.

Der 44 Jahre alte Franke hat eine reine Siemens -Karriere hinter sich. Das war lange Zeit typisch für den Traditionskonzern, weniger typisch war Russwurms kometenhafter Aufstieg in den Vorstand. "Das ist natürlich eine Folge des Korruptionsskandals, man hat eine von der dunklen Vergangenheit unbelastete Person gewählt", sagt ein Betriebsrat.

So verkörpert Russwurm auch den Generationswechsel nach der Schwarzgeld-Epoche, nur zwei der acht heutigen Vorstände waren vor der Ära Löscher im Amt. Der neue Arbeitsdirektor sieht den Umbau daher nicht nur unter Kostenaspekten positiv, man habe jetzt eine klare Verantwortlichkeit.

Betreuten früher elf Zentralvorstände einzelne Bereiche ohne jede operative Verantwortung, so führen seit Januar drei Vorstände die operativen Sektoren Industrie, Energie und Medizin direkt. Daneben treten fünf Vorstände mit Zentralfunktionen und regionaler Verantwortung. Russwurm ist neben seinem Job als Arbeitsdirektor zuständig für Europa, Afrika und die GUS-Staaten. Auch hier zeigt sich für ihn Wandel: weniger Bürokratie und deutlich weniger Berater.

Anstelle langwieriger Entscheidungsprozesse telefoniere man jetzt miteinander. "Wir acht vom Vorstand sind relativ fix und mobile E-Mail-Geräte eine große Hilfe." Das gilt auch für die Kommunikation mit der zweiten Ebene. "Wenn ich etwas mit Brigitte Ederer, der Leiterin unserer österreichischen Landesgesellschaft, regeln muss, dann rufe ich einfach an."

Für viele Mitarbeiter sei diese direkte Kommunikation in der Spitze ungewohnt. Manch einer in der Konzernzentrale am Wittelsbacher Platz in München wundere sich noch immer darüber, wie viel inzwischen direkt miteinander geredet wird. Die Stimmung im Unternehmen hat sich laut Russwurm seit Jahresbeginn deutlich verbessert. Die Folgen des Korruptionsskandals bewirkten dabei in der Konzernspitze einen zusätzlichen Solidarisierungseffekt. "Wir sind uns in den Grundsätzen extrem einig."

Für die neue Führung selbstverständlich sei aktives Portfolio-Management. Für den seit Monaten zum Verkauf stehenden Bereich Geschäftstelefonie (Enterprise Communications) könnte es daher bald eng werden. "Wenn es zu technologischen Sprüngen kommt, dann muss das Management hierauf reagieren", sagt Russwurm. Notfalls seien dann auch harte Schnitte notwendig. "Zum Kuscheln bin ich jedenfalls nicht da."

Russwurm hat 1992 bei Siemens in der damals krisengeschüttelten Medizintechnik begonnen und sich erste Meriten als Sanierer verdient. Gegen heftige Widerstände setzte er die Schließung eines Werks in Forchheim durch. Seither gilt er in Gewerkschaftskreisen als harter, aber fairer Verhandler. Ob er das Vertrauen der Arbeitnehmer besitzt? Einstimmig sei er vom Aufsichtsrat gewählt worden.

Persönlich gilt er als integer, sein Vater war Akkordarbeiter, er selbst tritt bescheiden auf. Hinzu kommt, dass er den neuen Geist von Siemens vorlebt. Zu vielen seiner Termine fliegt Russwurm zum Spartarif mit Air Berlin.

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