1 Bewertung *
11.04.2008 
Korruptionsaffäre

Siemens-Manager greift Ex-Vorstände an

von Sonia Shinde und Joachim Hofer

Siemens rechnet mit seinem ehemaligen Management ab: Der Konzern will die Verstrickung der Führungsebene in der Korruptionsaffäre so schnell wie möglich klären. Dabei griff zum ersten Mal ein hochrangiger Manager auch das frühere Management unter dem langjährigen Vorstandschef Heinrich von Pierer an.

Siemens will gegen die Korruption im Unternehmen vorgehen. Foto: apLupe

Siemens will gegen die Korruption im Unternehmen vorgehen. Foto: ap

KÖLN. Der Münchener Siemens-Konzern verspricht, die Rolle des Top-Managements im Korruptionsskandal zügig aufzuklären. "Die großen Komplexe sind aus Unternehmenssicht abgearbeitet. Jetzt geht es darum, auch die Verantwortung der alten Führung zu klären", sagte Andreas Pohlmann, Chief Compliance Officer von Siemens, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Aus Sicht des Juristen hat die einstige Unternehmensspitze in jedem Fall schwere Fehler gemacht. "Nach meiner Einschätzung waren auch frühere Vorstände entweder aktiv, initiativ am Korruptionsskandal beteiligt oder sie haben die Sache übersehen, dann liegt eine Aufsichtsverletzung auf der Hand."

Damit greift zum ersten Mal ein hochrangiger Siemens-Manager die frühere Führung unter dem langjährigen Vorstandschef Heinrich von Pierer frontal an. Der Franke, der nach seiner aktiven Zeit an der Spitze bis April 2007 dem Aufsichtsrat vorstand, hat bislang immer beteuert, von der Korruptionspraxis nichts gewusst zu haben.

Gleichzeitig müssen sich ehemalige Manager auf hohe Schadenersatzansprüche des Konzerns einstellen. "Natürlich wollen wir Schadenersatz für den Schaden bekommen, der uns entstanden ist. Das können im Einzelfall Beträge im Millionenbereich sein", so Pohlmann. Bereits Anfang des Jahres hatte Siemens Mahnbescheide an eine Reihe von früheren sowie heute noch aktive Beschäftigte verschickt. Sie sollen jeweils eine Mill. Euro zahlen. Dem könnten künftig zum Teil noch wesentlich höhere Forderungen folgen, betonte der für die Korruptionsbekämpfung in dem Konzern verantwortliche Manager.

Heinrich von Pierer ist bereits vor einem Jahr als Aufsichtsratschef zurück getreten, sein Nachfolger Klaus Kleinfeld gab im Zuge der Affäre vergangenen Sommer auf und wechselte zum amerikanischen Aluminiumkonzern Alcoa. Siemens wird seit anderthalb Jahren von einem Korruptionsskandal erschüttert. Dabei sollen Siemens-Mitarbeiter schwarze Kassen gebildet und ausländische Geschäftspartner oder Amtsträger bestochen haben, um Aufträge zu bekommen. Seit Ende 2006 lässt Siemens die Affäre intern aufarbeiten, gleichzeitig ermitteln die Staatsanwaltschaften in verschiedenen Ländern.

Ende Mai beginnt in München zudem der erste Prozess im Zusammenhang mit der Affäre. Zwei weitere Verfahren könnten nach Angaben aus Justizkreisen bald folgen. Insgesamt sind bei Siemens in den vergangenen Jahren 1,3 Mrd. Euro in dunklen Kanälen verschwunden und vermutlich größtenteils im Ausland als Schmiergeld eingesetzt worden. Die Dimension ist auch für die in Wirtschaftsstrafsachen erfahrene Staatsanwaltschaft in München außergewöhnlich. "Das ist ein absoluter Ausnahmefall", so Oberstaatsanwalt Anton Winkler von der Staatsanwaltschaft München I.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Siemens plant eine eigene Ermittlertruppe.

Unternehmenskenner deuten die Aussagen von Pohlmann dahingehend, dass Siemens kurz davor steht, gegen ehemalige Top-Manager juristisch vorzugehen. Der Konzern selbst wollte sich dazu nicht äußern. Der frühere Celanese-Manager Pohlmann ist seit vergangenem Herbst bei Siemens, um den Konzern zu einem Vorbild in Sachen guter Unternehmensführung zu machen. Der 50-Jährige berichtet direkt an den neuen Konzernchef Peter Löscher und Rechtsvorstand Peter Solmssen.

Nach Ansicht von Experten hat Siemens gar keine andere Wahl, als gegen in die Korruption verstrickte Top-Manager vorzugehen. "Die amerikanische Börsenaufsicht SEC erwartet geradezu, dass Unternehmen hart durchgreifen", sagte am Donnerstag Markus Rieder, Partner der Kanzlei Sherman auf der Handelsblatt-Tagung "Unternehmensrisiko Korruption" in Köln. Siemens ist auch in New York an der Börse notiert und wird deshalb von den amerikanischen Behörden wegen der Schmiergeldaffäre genau beobachtet. Siemens droht auch eine hohe Strafe in den USA. Nach Ansicht des Juristen zielt vor allem das amerikanische Justizministerium darauf ab, einzelne hochrangige Persönlichkeiten für Korruptionsfälle in Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen.

Eine eigene Ermittlertruppe soll künftig korrupte Systeme oder Betrugsringe im Konzern aufdecken, kündigte Pohlmann an. Eigens dafür hat er einen Abteilungsleiter von Interpol aus Lyon abgeworben, bis Jahresmitte soll die Mannschaft mit etwa einem Dutzend Mitgliedern vollzählig sein und dann in den Siemens-Niederlassungen weltweit ermitteln.

Zum neuen System gehört auch eine so genannte Whistle-Blower-Hotline, die Hinweise auf Korruption und krumme Geschäfte annimmt. Die Anrufe werden in Amerika von einer externen Firma gesammelt und müssen dann binnen 24 Stunden bei speziell geschulten Mitarbeitern am Siemens-Standort Erlangen sein, die die Erkenntnisse auf ihren Gehalt prüfen.

Angst davor, den Aktionären auf künftigen Hauptversammlungen erklären zu müssen, dass Siemens auf Geschäfte verzichtet hat, die nur mit Bestechung möglich gewesen wären und dass deshalb Kurs und Dividende gesunken sind, hat Pohlmann nicht. "Wir werden unsere geschäftlichen Ziele wegen Compliance nicht senken."

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterKöpfe

Mr. Apple bittet wieder zur Audienz  Artikel in Merkliste

Der Apple-Gründer Steve Jobs stellt am Dienstag in San Francisco neue Produkte vor – und seine Fitness unter Beweis Artikel


Anzeige