Siemens und die Innovations-Kultur
Joe Kaeser gründet ein Start-up

Siemens ist nicht innovativ genug. Das Problem will Vorstandschef Joe Kaeser nun nicht mit einer neuen Sparrunde lösen, sondern mit Freiräumen. Doch eine Start-up-Kultur lässt sich nicht verordnen. Eine Analyse.

Kürzlich diskutierte Joe Kaeser mit Studenten der Münchener Uni über Start-ups. Die Aula war rappelvoll, junge Gründer stellten ihre Firmen vor. Wer denn einmal bei Siemens arbeiten wollte? Nur ganz wenige Hände gingen in die Höhe.

Für Siemens ist das ein Warnsignal. Für viele Ingenieure war es früher das Traumziel, einmal beim Technologieriesen zu arbeiten. Heute gehen viele kreative Köpfe lieber zu kleinen, innovativen Firmen. Auch deshalb will Vorstandschef Kaeser eine Start-up-Kultur etablieren.

Dazu gründet er eine „Innovation AG“, die im oft bürokratischen Umfeld Freiräume zum Experimentieren schaffen soll. Im laufenden Geschäftsjahr will Kaeser 300 Millionen Euro mehr für Forschung und Entwicklung ausgeben. Rund 400 neue Stellen in der Forschung sollen geschaffen werden, davon 300 in China und 100 in Deutschland. Zudem legt Siemens einen Innovationsfonds auf, der mit bis zu 100 Millionen Euro gefüllt werden soll.

Die Offensive ist dringend notwendig. Die Wachstumsschwäche von Siemens in den vergangenen Jahren resultiert auch aus der Tatsache, dass der Technologiekonzern nicht innovativ genug war. In Bereichen wie dem Energiesektor ließ sich das teils auch an den Bruttomargen ablesen: Konkurrenten wie General Electric oder ABB konnten höhere Preise erzielen, weil ihre Produkte innovativer waren.

Es ist daher richtig, dass Siemens-Chef Kaeser nach den strukturellen Umbauten nun das Thema Innovation ganz oben auf die Agenda setzt. Mit immer neuen Sparrunden lässt sich Zukunft nicht gestalten. Kaeser will in Sachen Wachstum und Profitabilität zu den besten Wettbewerbern aufschließen und sie wenn möglich überholen. Das aber kann nur gelingen, wenn man bei den Produkten immer einen halben Schritt voraus ist. Technologie von gestern können andere Konkurrenten zum Beispiel in Asien günstiger produzieren.

Zudem muss Siemens aufpassen, dass es bei den disruptiven Veränderungen vor allem durch die Digitalisierung nicht noch einmal den Fehler begeht, die entscheidende Innovation zu verpassen. In der Telekommunikation war Siemens einst Weltmarktführer. Doch als die Ciscos dieser Welt aufkamen, konnten sich die erfolgsverwöhnten Siemensianer nicht so recht vorstellen, dass sich die Kommunikation über das Internet durchsetzt. Das Ende ist bekannt: Das Aus für die Telekommunikation bei Siemens. Das, lautet Kaesers Mantra, darf dem Konzern nicht noch einmal passieren.

Dabei muss ein Spagat gelingen: Siemens muss die Ressourcen des Großkonzerns nutzen. Doch gleichzeitig muss sich auch eine Start-up-Kultur etablieren, in der man etwas ausprobiert, wo man auch einmal scheitern darf und keine bürokratische 9-to-5-Atmosphäre herrscht.

Mit seiner neuen AG will Kaeser genau dies erreichen. Ob es gelingt, wird sich aber erst in der Praxis zeigen. Schöne Worte reichen nicht. Die Start-up-Kultur kann nicht verordnet, sie muss gefördert und gelebt werden.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München
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