Siemens-Urteil
Schuld und Sühne

Ex-Vorstand Johannes Feldmayer kommt mit Bewährung davon, Wilhelm Schelsky erhält dagegen eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren: Wegen Betrugs, Steuerhinterziehung und Beihilfe zur Untreue muss der frühere AUB-Chef hinter Gitter. Die Verteidigung kündigt Revision an.

NÜRNBERG. Das Gesicht ist rot, die Augen sind müde, und der Blick ist auf den Boden gerichtet. Wie ein Häufchen Elend sitzt Wilhelm Schelsky auf der harten Anklagebank. Den fülligen Kopf stützt er auf beide Arme. Dieser niedergeschlagene Mann soll einst vom Weltkonzern Siemens Millionen kassiert haben, um mit seiner Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) ein Gegengewicht zur IG Metall zu schaffen? Diese Figur soll früher auf Augenhöhe mit dem Top-Management von Siemens verhandelt haben? Unter der dunklen Holzvertäfelung im imposanten Saal 600 des Nürnberger Landgerichts duckt sich ein Mann, der noch vor zwei Jahren ein mächtiger Unternehmer war - jetzt aber offenbar am liebsten im Boden versinken will. So niederschmetternd ist das, was ihm Richter Richard Caspar an diesem trüben Montag vorhält.

Vor allem aber macht Schelsky zu schaffen, dass er, der schon seit fast zwei Jahren in Untersuchungshaft sitzt, noch lange nicht frei kommt. Zu viereinhalb Jahren hinter Gittern verurteilt ihn die 3. Strafkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth wegen Betrugs, Steuerhinterziehung und Beihilfe zur Untreue.

Ganz anders Johannes Feldmayer. Blütenweiß das Hemd, vorbildlich die Haltung. Meist sitzt der groß gewachsene Mann kerzengerade, hört dem Richter aufmerksam zu. Der ehemalige Zentralvorstand des Münchener Siemens-Konzerns verzieht keine Miene, als ihn Jurist Caspar wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, ihn zu einer Geldauflage von 200 000 Euro verdonnert und er zusätzlich 360 Tagessätze zu je 80 Euro aufbringen muss. Hauptsache er, dessen Markenzeichen der graue Schnauzbart ist, wandert nicht in den Knast. Dennoch kündigten Feldmayers Anwälte ebenso wie Schelskys Verteidiger Revision an.

Fast zwei Monate saßen sich die beiden in ihrer Erscheinung so grundverschiedenen Männer im Nürnberger Landgericht gegenüber, in jenem festungsartigen Gebäude, in dem vor 60 Jahren die Kriegsverbrecher verurteilt wurden. Schelsky und Feldmayer haben während dieser Zeit kein Wort gewechselt. Dabei haben die Manager zuvor über viele Jahre miteinander harmoniert, haben ein System am Leben gehalten, das Siemens eine handzahme Arbeitnehmervertretung garantieren sollte. Mehr als 30 Mio. Euro hat Feldmayer, der sein ganzes Arbeitsleben bei Siemens verbracht hat, an Schelsky überweisen lassen, damit der seine AUB zum Gegenspieler der ungeliebten IG Metall aufbaut.

Gelohnt hat sich der Deal letztlich für beide nicht. Feldmayer bleibt zwar nach dem gestrigen Urteil auf freiem Fuß, doch seine Karriere ist ruiniert, und aus dem Siemens-Vorstand ist er längst ausgeschieden. Richter Caspar fand deutliche Worte für den 52-Jährigen. Feldmayer habe weder den Aufsichtsrat über die Millionenüberweisungen an die AUB informiert noch habe er überprüft, was Schelsky mit dem Geld macht. Es sei einige kriminelle Energie im Spiel gewesen, als er sich beispielsweise AUB-Rechnungen nach Hause habe schicken lassen.

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