Siemens
Verfallende Autoritäten

Die Kapitalseite des Siemens-Aufsichtsrats will nach den Bestechungsskandalen einen personellen Neuanfang an der Konzernspitze. Am heutigen Mittwoch tagt das Gremium. Doch die Suche nach einem möglichen Nachfolger von Vorstandschef Kleinfeld gestaltet sich schwierig. Was bisher passierte.

MÜNCHEN. Es gibt Menschen, die sagen, für Klaus Kleinfeld wäre es das Beste gewesen, Heinrich von Pierer hätte noch möglichst lange an der Spitze des Aufsichtsrats gestanden. Seit vergangenem Donnerstag ist das vorbei, mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit haben sich seither die Dinge an der Siemens-Spitze beschleunigt. Es ist ein Prozess zunehmend verfallender Autorität. Er hat nicht nur den CEO selbst erfasst, auch der Aufsichtsrat ist in heillosem Durcheinander, seit durchgesickert ist, dass führende Köpfe der Kapitalseite nach einem Nachfolger für Kleinfeld suchen. Doch ihr Wunschkandidat, Linde-Chef Wolfgang Reitzle, hat abgesagt. „Wir erleben einen der kritischsten Momente in der Geschichte der Siemens AG“, sagt ein intimer Kenner des Hauses. Dies ist der Versuch zu schildern, wie es dazu hat kommen können.

Es ist Sonntag, 15. April 2007. Die Vertreter der Kapitalseite im Aufsichtsrat der Siemens AG treffen sich in der Konzernzentrale in München. Es geht um die Zukunft von Heinrich von Pierer, um Klaus Kleinfeld, um die Zukunft von Siemens. Von Pierer steht unter massivem Druck, für die Serie von Skandalen, die sein Haus erschüttern, Verantwortung zu übernehmen. Seit dem Bekanntwerden des Skandals um die Arbeitnehmerorganisation AUB, deren Chef Siemens über Jahre mit Millionen gefördert hat und der jetzt in Untersuchungshaft sitzt, hat von Pierer nicht nur das Vertrauen der IG Metall verloren.

Auch Gerhard Cromme, Chef im Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats und führender Kopf für Corporate Governance in Deutschland, bedrängt von Pierer. Crommes Ruf steht im Skandalgeschehen ebenfalls auf dem Spiel. Er hätte sich daher gewünscht, dass der große alte Mann von Siemens früher die Konsequenzen zieht, heißt es in Kreisen des Gremiums. Wenige Tage zuvor war Cromme bereits als möglicher Nachfolger von Pierers gehandelt worden, er hat dies öffentlich dementiert.

Heinrich von Pierer hat sich im Aufsichtsrat lange auf die Rückendeckung durch Josef Ackermann verlassen können. Ihn verbindet mit von Pierer seit dem Mannesmann-Prozess, in dem Ackermann einer der Hauptangeklagten war, ein enges Vertrauensverhältnis. Nun muss auch Ackermann erkennen, dass es für von Pierer eng geworden ist. „In diesen Tagen gehen viele Männerfreundschaften zu Bruch“, sagt ein Beobachter. Von Pierer deutet an, zum Rücktritt bereit zu sein. Doch nicht nur von Pierer wackelt, auch die Zukunft Klaus Kleinfelds ist Thema. Er ist im Aufsichtsgremium alles andere als unumstritten, man zweifelt an seinen Führungsqualitäten: Statt an das Unternehmen zu denken und wenigstens nach außen den Schulterschluss mit von Pierer zu suchen, habe Kleinfeld entscheidende Fragestellungen immer wieder mit seinem Schicksal verknüpft. Besonders kritisch wird dabei vermerkt, dass seit Wochen Meldungen zu lesen sind, die Verlängerung des Vertrags von Kleinfeld auf der Aufsichtsratssitzung am 25. April sei bereits beschlossen. Darauf habe sich die IG Metall intern geeinigt. Doch auf Kapitalseite gibt es noch keine Entscheidung, unter Druck setzen lassen will man sich nicht.

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