Siemens
Zukunftsmusik und alte Lieder

Siemens-Chef Peter Löscher arbeite mit Hochdruck daran, das langjährige deutsche Vorzeigeunternehmen zum Umwelttechnologieführer zu machen. Dank der Einigung mit dem Ex-Chef von Pierer im Schmiergeldskandal konnte der Konzern einige Schatten der Vergangenheit loswerden. Denn angesichts der Wirtschaftskrise fürchten viele Mitarbeiter um ihren Job.
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MÜNCHEN. Es sind bestenfalls ein paar Hundert Meter. Und doch war Heinrich von Pierer wohl noch nie so weit entfernt von der noblen Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz in München wie an jenem grauen Novembertag. Im grauen Sakko, mit blauem Hemd und Pullover darüber, sitzt der ehemalige Siemens-Chef im gediegenen Café Kreutzkamm vor einer Latte macchiato. Fit sieht er aus. Mit der Tennismannschaft ist es am Wochenende gut gelaufen, was immer ein guter Indikator für das Befinden des Heinrich von Pierer ist. Mit dem ICE ist er von Erlangen nach München gereist. Im Aktenkoffer ein FC-Bayern-Schal, am Abend geht es in die Arena.

Zu dem Thema aber, um das sich bei Siemens zu dieser Zeit fast alles dreht, zum milliardenschweren Schmiergeldskandal also, will von Pierer an diesem Tag nichts sagen. Mit öffentlichen Äußerungen hat er sich ja die ganze Zeit zurückgehalten, nur kein Öl ins Feuer gießen. Eines aber, das lässt er dann doch raus. Das Thema belaste ihn natürlich. "Ich bedaure, dass es so gekommen ist."

Gleich um die Ecke, bei Siemens, hätten sie damals wohl andere Worte gefunden. "Lästig" passt vielleicht am ehesten. Für die Neuen an der Spitze ist von Pierer stets ein Schatten der Vergangenheit gewesen, den sie nur zu gern loswerden wollten. Die Wirtschaftskrise ist das Thema von heute. Und dann sind da noch die großen Zukunftsbaustellen, die Projekte von morgen, an denen überall im Siemens-Reich fleißig gewerkelt wird. Da stören Details über schwarze Kassen, dubiose Beraterverträge und fragwürdige Treuhandkonten nur.

Also zog der Aufsichtsrat, der heute offiziell tagt, um darüber zu befinden, mit welchen Ex-Managern der Konzern einen Vergleich schließt und wen er unerbittlich auf die Zahlung von Schadensersatz verklagt, einen vorläufigen Schlussstrich unter das Kapitel von Pierer. Bereits gestern sickerte durch, dass man sich mit ihm auf eine Zahlung von etwa fünf Millionen Euro geeinigt habe.

Dabei galt dieser Weg lange Zeit als ausgeschlossen. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und die anderen Kontrolleure sahen die Hauptverantwortung für den Skandal bei von Pierer. Doch überraschend wurde diese Front offenbar noch einmal aufgebrochen. Wohl auch, weil der Vergleich einen gewichtigen Vorteil hat: Der Konzern kann unter ein düsteres Kapitel der Vergangenheit endgültig einen Schlussstrich ziehen.

Die Zukunft ist schließlich das Thema, mit dem der derzeitige Siemens-Chef Peter Löscher punkten will. Und die Gegenwart hält auch noch einige Probleme für ihn bereit.

Weniger Tage vor dem Kopenhagener Klimagipfel: Löscher ist schon zu früher Morgenstunde in die Konzernzentrale gekommen. Es geht um große Dinge: um Megacitys und die Probleme der Menschheit, die Geschäftsaussichten von Siemens. Löschers Rücken ist gerade durchgedrückt, die hochgezogenen, buschigen Augenbrauen zeigen, wie ernst es dem Siemens-Chef ist mit dem Thema. Auf einem großen Flachbildschirm flimmert ein Kurzfilm. Der Planet Erde ist da zu sehen, Windräder, intelligente Stromnetze. Die Wirtschaft, lautet Löschers Botschaft, wird nicht auf die Politik, nicht auf Kopenhagen warten. "Die Industrie marschiert vorneweg." Und ganz vorne, da marschiert natürlich Siemens.

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