Siemens
Zwischen Haft und Haftung

Nach der Verhaftung des Siemens-Vorstands Johannes Feldmayer geht unter deutschen Managern die Angst um. Sie befürchten, dass Staatsanwälte in Wirtschaftsstrafsachen immer häufiger Untersuchungshaft anordnen, um an Informationen zu kommen. Feldmayer sitzt offiziell aber aus einem anderen Grund hinter Gittern.

MÜNCHEN. Einen Tag nach der Inhaftierung Feldmayers reichen die Reaktionen in der Wirtschaft von Unverständnis über Empörung bis hin zur Furcht. „Es bleibt für mich unvorstellbar, warum Johannes Feldmayer ins Gefängnis musste“, sagt ein Siemens-Manager.

Bei Feldmayers Verteidiger, Martin Reymann- Brauer, rennt er damit offene Türen ein: „Lächerlich“ sei die Begründung der Staatsanwaltschaft, seinen Mandanten wegen Fluchtgefahr in Haft zu nehmen. „Mein Mandant ist unschuldig.“ Anwalt Hans-Hermann Aldenhoff, Partner der Kanzlei Simmons and Simmons in Düsseldorf, spricht Klartext: „Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Untersuchungshaft in Wirtschaftsstrafsachen als Ermittlungsmittel eingesetzt wird.“

Die Praxis, eine Zelle als Instrument zu nutzen, Beschuldigte zur Aussage zu bewegen, ist alles andere als neu. Sie wird nur immer häufiger gegen Manager angewandt, wie auch der Fall Siemens zeigt. Gerade die Staatsanwaltschaft München hat es dabei zu einiger Berühmtheit gebracht. „Dort wird die U-Haft als Drohung eingesetzt“, sagt ein Anwalt. Dass die Nürnberger Kollegen jetzt bei Feldmayer mit ähnlichen Methoden zu arbeiten scheinen, überrascht in Juristenkreisen allerdings. Bislang galt die Nürnberger Behörde als zurückhaltend. „Es scheint, als sei da eine Art Wettbewerb unter bayerischen Staatsanwaltschaften im Gange: Wer hat den dicksten Fisch an der Angel?“ heißt es.

Wissenschaftler diskutieren die Frage, ob die deutsche Inhaftierungspraxis noch von der Strafprozessordnung gedeckt ist, schon seit längerem kontrovers. In den Unternehmen löst die Praxis jetzt endgültig Angst und Schrecken aus. „Compliance-Schulungen für Führungskräfte haben Hochkonjunktur“, sagt Anwalt Aldenhoff. Im Wirtschaftsstrafrecht erinnere die Praxis der Ermittlungsbehörden inzwischen an Beugehaft, kritisiert ein anderer deutscher Verteidiger.

Am Dienstagmorgen war Johannes Feldmayer auf einem Außentermin, als ihn der Anruf seiner Sekretärin erreicht. „Herr Feldmayer, die Polizei durchsucht ihr Büro.“ Wenig später rät ihm sein Anwalt, die Konzernzentrale aufzusuchen – die Polizei hat das Privathaus der Familie umstellen lassen. In seinem Büro angekommen, bekommt Feldmayer den Haftbefehl ausgehändigt, dann geht es von München direkt nach Bamberg: in die Justizvollzugsanstalt.

Seite 1:

Zwischen Haft und Haftung

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%