Sitzungsmarathon mit Gewerkschaft
Kritischer Verhandlungs-Marathon bei US-Autoindustrie

Die Verhandlungen zwischen der finanziell angeschlagenen US-Autoindustrie und ihrer Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) kommen nur zäh voran. Zwei Tage nach Fristablauf der vierjährigen Rahmentarifverträge wird in Detroit ununterbrochen weiter verhandelt, während leitende Gewerkschafter für den Fall der Fälle erste Streikvorbereitungen getroffen haben.

WASHINGTON. Nach einem mehr als 13-stündigen Sitzungsmarathon am Samstag kamen die Verhandlungsführer auch am Sonntag wieder zusammen, um über niedrigere Einstiegslöhne, Betriebspensionen und die Bildung eines milliardenschweren Gesundheitsfonds zu diskutieren.

Während Ford und Chrysler mit der UAW bereits eine unbefristete Verlängerung der formell ausgelaufenen Tarifverträge vereinbart haben, steht diese Regelung für General Motors (GM) bisher noch aus. Die Gewerkschaft hat den US-Marktführer in der Vorwoche zum Hauptverhandlungspartner erklärt. Erst nach einer Einigung würden dann Ford und Chrysler zum Zuge kommen. Diese Entscheidung erhöht den Druck auf GM und macht den Konzern, der mit seiner Sanierung etwas weiter ist als die beiden Detroit-Rivalen, zum ersten Streikziel. Angesichts der dramatischen Lage in der US-Autoindustrie gilt ein Ausstand der Gewerkschaft indes als wenig wahrscheinlich. Alle drei US-Hersteller sitzen auf hohen Schuldenbergen und verlieren in ihrem Heimatmarkt fortwährend Marktanteile. Allein Ford fuhr im Vorjahr einen Rekordverlust von 12,6 Mrd. Dollar ein, der ebenfalls hochdefizitäre Konkurrent Chrysler wurde kürzlich von der Beteiligungsfirma Cerberus übernommen.

Die seit acht Wochen laufenden Verhandlungen gelten deshalb als die schwierigsten und komplexesten Gespräche in der Geschichte des US-Autobaus. Die UAW hat in früheren Tarifrunden 72 Jahre lang regelmäßig bessere Konditionen für aktive Arbeiter und Pensionäre erstritten. 2007 geht es allein um Schadensbegrenzung, weil die Arbeitgeber dicht vor dem finanziellen Kollaps stehen und damit drohen, künftige Autogenerationen in Asien zu produzieren. Die Konzernchefs der sogenannten „Big Three“ hätten sich am Samstagabend in einer Telefonkonferenz ausgetauscht und dabei ihre Besorgnis über die Positionen der UAW-Führung ausgedrückt, schreibt das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf Verhandlungskreise. Weder die Konzerne noch die Gewerkschaft wollen sich zum aktuellen Stand der Verhandlungen äußern.

Als Knackpunkt der Gespräche gelten die ausufernden Kosten für die Gesundheitsversorgung der UAW-Pensionäre. Allein GM sitzt auf mehr als 50 Mrd. Dollar schweren Pensionslasten, die aus der Bilanz eliminiert und in einen von der Gewerkschaft verwalteten Treuhandfonds umgeschichtet werden sollen. Ein Auslagern dieser Pensionslasten würde die Insolvenzgefahr bei GM & Co. deutlich verringern und finanzielle Ressourcen freisetzen, die für die weitere Sanierung des notleidenden Nordamerika-Geschäfts benö-tigt werden. Bei der Frage, wie viel Kapital die Industrie in diesen sogenannten VEBA-Fonds einzahlen soll, lägen die Positionen allerdings noch weit auseinander, hieß es am Wochenende aus Verhandlungskreisen. Die Analysten der Citigroup gehen davon aus, dass die UAW etwa 36 Mrd. Dollar von GM einfordert, um den Fonds an den Start zu bringen.

Zwar hat der US-Marktführer in den vergangenen Jahren Tafelsilber abgegeben und dabei Geld in zweistelliger Milliardenhöhe eingesammelt, etwa über den 51-Prozent-Verkauf seiner Finanztochter GMAC (für 13 Mrd. Dollar) oder die Abgabe der Getriebefirma Allison Transmission (5,6 Mrd. Dollar). Die Finanzierung könnte sich jedoch als Drahtseilakt erweisen, wenn die UAW auf ihren Positionen beharren sollte. Ford sitzt laut JP Morgan auf Pensionslasten von 22 Mrd. Dollar, bei Chrysler betragen sie 15,6 Mrd. Dollar.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%