Solarbranche
Razzia der Staatsanwaltschaft bei Conergy

Da dachte man, es kann für Conergy nicht mehr schlimmer kommen, und dann das: Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat nach Informationen des Handelsblatts aus Unternehmenskreisen die Wohnräume des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Hans-Martin Rüter durchsucht. Hintergrund sind Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Bilanzfälschung, Kursmanipulation und Insidergeschäften bei Europas größtem Solarunternehmen.

iw mur/HB HAMBURG. Rüter war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Der 1965 geborene Manager hatte das Unternehmen 1998 selbst gegründet und fast zehn Jahre lang geführt. Er trat im November 2007 nach einem dramatischen Kurseinbruch ab. An Rüters Stelle agiert seitdem der Großaktionär und frühere Tchibo-Chef Dieter Ammer.

Neben Rüter soll nach Informationen des Handelsblatts auch die Wohnung des ehemaligen Finanzvorstands Heiko Piossek durchsucht worden sein. Piossek war für eine Stellungnahme ebenfalls nicht zu erreichen. Insgesamt gibt es laut Staatsanwaltschaft in der Angelegenheit elf Beschuldigte. Der amtierende Vorstandsvorsitzende Ammer ist nicht betroffen. Durchsucht wurden am Mittwoch insgesamt 24 Büros und Wohnungen.

Angestoßen wurden die Ermittlungen von der Finanzaufsicht BaFin, die bei der Überprüfung von Pflichtmitteilungen im Oktober und November 2007 fehlerhafte Angaben entdeckt hatte. Daraufhin sei Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gestellt worden, sagte eine Sprecherin der Bafin dem Handelsblatt.

Insgesamt seien 24 Wohn- und Geschäftsobjekte in und außerhalb Hamburgs durchsucht worden, sagte der Staatsanwalts-Sprecher Wilhelm Möllers, allerdings ohne den Firmennamen zu bestätigen. Wo die einzelnen Adresse lagen, konnte er zunächst nicht sagen. Bei den Durchsuchungsaktionen seien zahlreiche schriftliche Unterlagen sowie Datenträger sichergestellt worden, sagte er. Die Durchsuchungen, an denen sich zwei Staatsanwälte und 125 Polizisten beteiligten, dauerten am Mittwochnachmittag noch an. „Es müssen umfangreiche Datensicherungsmaßnahmen betrieben werden.“

Die seit Herbst vergangenen Jahres laufenden Ermittlungen richten sich nach Möllers Angaben gegen insgesamt elf Verdächtige. Ausgelöst worden seien diese von zwei Strafanzeigen, sagte er. Von wem die Anzeigen stammen, wollte er nicht sagen: „Dazu machen wir keine Angaben.“ Tatsächlich hat bereits im Oktober vergangenen Jahres eine Münchner Anwaltskanzlei eine Schadensersatzklage gegen Conergy eingereicht, in der von unzulässigen Bilanzierungsmethoden in den Jahren 2006 und 2007 die Rede ist.

Eine Firmensprecherin bestätigte die Durchsuchungen, betonte aber, dass nicht das Unternehmen selbst, sondern einzelne Mitarbeiter ins Visier der Behörden geraten seien. Es gehe um Vorgänge aus den Jahren 2006 bis April 2007, die bereits von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) untersucht worden seien. Das Unternehmen war Ende 2007 nur knapp an der Pleite vorbeigeschrammt. Damals nahm die BAFin Ermittlungen auf, ob Conergy die Öffentlichkeit rechtzeitig über die prekäre finanzielle Lage des Unternehmens informiert hat. Bestraft wurde das Unternehmen aber schließlich nicht.

Seit der Fast-Pleite baut der frühere Tchibo-Manager Dieter Ammer das Unternehmen um. Er konnte es aber nicht verhindern, das Conergy 2008 noch tiefer als zuvor in die roten Zahlen rutschte. Unter dem Strich stand ein Verlust von 307 Mio. Euro. Erschwert wird eine Erholung des Unternehmens durch die angespannte Lage für die gesamte Solarbranche. So brach der Umsatz im ersten Quartal 2009 um 70 Prozent auf 65 Mio. Euro ein.

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