Sonderwirtschaftszone
Prettl produziert in Nordkorea

Die deutsche Firmengruppe Prettl engagiert sich als erstes europäisches Unternehmen in Nordkorea. Die schwäbische Firma hat einen Produktionsstandort in der Sonderwirtschaftszone Kaesong gemietet. Aus Sicht der Nordkoreaner ist das ein Volltreffer.

TOKIO. „Der Industriekomplex wurde bereits von südkoreanischen Unternehmen gut angenommen. Jetzt haben drei internationale Unternehmen ihre Bereitschaft erklärt, dort hineinzugehen, eines davon ist das aus Deutschland“, sagt Hong Suk-Woo, Staatssekretär im südkoreanischen Ministerium für Handel und Industrie, am gestrigen Donnerstag in Seoul.

Der Vertrag zwischen Prettl und dem Kaesong Industrial District Management Committee kam bereits in der vergangenen Woche zustande. In Kaesong produzieren bislang 45 südkoreanische Unternehmen mit 19 500 Mitarbeitern für den Weltmarkt. Der Stundenlohn für die mehrheitlich nordkoreanischen Beschäftigten liegt bei nur wenig mehr als 40 Euro im Monat. Das sei nur 40 Prozent der üblichen Löhne in Vietnam, rechnet die südkoreanische Investmentorganisation Kotra vor. Seit ihrer Gründung 2003 haben die dort ansässigen Betriebe Waren im Wert von 166 Mill. Dollar produziert.

Der Industriepark Kaesong liegt nur 70 Kilometer vom Großraum Seoul entfernt auf der nördlichen Seite der schwer bewachten Grenze zwischen den beiden koreanischen Staaten. Die Unternehmensteuer in der Industrieenklave liegt zwischen zehn und 14 Prozent. Aus Sicht des Südens hat Kaesong eine Doppelfunktion: Einerseits ist der Industriepark ein willkommener Billigproduktionsstandort, andererseits fördert er die Annäherung der beiden Staaten. „Kaesong hat eine wichtige Funktion für das Verhältnis zwischen Nord- und Südkorea“, sagt Park Chan-Bong, Leiter des Büros für Nord-Süd-Dialog im Vereinigungsministerium. Unausgesprochen steht auch der Gedanke im Hintergrund, dass Nordkoreaner hier das Wirtschaftssystem und den Lebensstil des kapitalistischen Südens kennen und schätzen lernen. Die Masse der Arbeiter kommt zwar aus dem Norden, doch zahlreiche auch aus dem Süden.

Bisher ist nur die erste von mehreren Phasen des Kaesong-Projekts realisiert. Schon in wenigen Jahren soll das Produktionsvolumen den Vorstellungen der südkoreanischen Regierung zufolge auf das Zehnfache steigen. Noch kämpfen die dort ansässigen Unternehmen jedoch mit praktischen Problemen: Der Internetzugang ist aus ideologischen Gründen eingeschränkt, die Telefonleitungen können zu wenig Gespräche tragen und die Mitarbeiter aus dem Süden können nur in bestimmten Zeitfenstern über die Grenze wechseln.

Die koreanische Tochter der Prettl Magnet- und Schaltertechnik aus Pfullingen in der Schwäbischen Alb hat 11 000 Quadratmeter in Kaesong angemietet. Prettl stellt in Südkorea Elektroteile, Kabel andere Bauteile für die Automobilindustrie her. Wegen des Feiertags war das Unternehmen am Donnerstag nicht erreichbar. Prettl engagiert sich seit 1995 in Korea. Die Firmengruppe hat in 25 Ländern insgesamt 5 000 Mitarbeiter, die einen Umsatz von einer halben Mrd. Euro erwirtschaften.

Bis vor kurzem hatte es geheißen, der US-Konzern Kimberly-Clark werde als erstes westliches Unternehmen in Kaesong einsteigen. Doch daraus ist nichts geworden. Neben Prettl wollen noch zwei chinesische Unternehmen dort produzieren. Damit sind drei der sechs für ausländische Investoren vorgesehenen Areale vergeben. Die nordkoreanische Seite wünscht sich Park zufolge vor allem Ansiedlungen von Unternehmen aus technisch orientierten Branchen, die zudem umweltfreundlich arbeiten – Prettl dürfte damit ein Volltreffer sein. Als erstes Unternehmen der westlichen Welt dürfte es der Idee des Investments in Nordkorea zudem einen Imagegewinn bringen. Andere deutsche Unternehmen hatten noch auf der Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft Vorbehalte gegen ein Investment im Norden geäußert.

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking
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