
BERLIN. Als Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) sein Amt im vergangenen Herbst antrat, war die Erleichterung in der Arzneimittelindustrie groß. „Das ist unser Minister“, hieß es selbst dann noch über den allzeit fröhlich lächelnden Liberalen, als er nach wochenlanger Tatenlosigkeit überraschend Verhandlungen mit der Branche über einer Begrenzung der aus dem Ruder laufenden Arzneimittelausgaben ankündigte. Die vier Pharmaverbände überschlugen sich, um geeignete Sparkonzepte vorzuschlagen.
Doch inzwischen herrscht Schockstarre auf den Fluren von Aventis, Bayer und Co. Denn Rösler hat nicht nur alle ausgeklügelten Konzepte der Verbände in den Wind geschlagen. Mit tatkräftiger Unterstützung der Gesundheitsexperten der Union brachte er das härteste Sparkonzept auf den Weg, dass je ein Gesundheitsminister der Industrie zugemutet hat. Mit einem Zwangsrabatt von 16 Prozent und einem über vier Jahre laufenden Preismoratorium will er bereits ab August einen Teil der auch in der Wirtschaftskrise heftig sprudelnden Gewinne der Branche in die klammen Kassen der gesetzlichen Krankenkassen umleiten.
Rösler kratzt am Preismonopol
Besonders hart trifft es die forschenden Hersteller, die derzeit rund 30 neue Medikamente jährlich auf den Markt bringen und damit für den größten Teil der Ausgabenanstiegs der vergangenen Jahre verantwortlich sind (Grafik). Frühere Regierungen hatten die einzige Branche, die ihre Forschungskosten von 4,8 Mrd. Euro pro Jahr alleine trägt und damit immerhin zehn Prozent aller Forschungsaufwendungen der deutschen Industrie leistet, verschont.
Rösler bricht dieses Tabu. Erstmals will er neue Medikamente ohne Zusatznutzen bislang nur für Generika zulässigen Erstattungsobergrenzen unterwerfen. Auch für echte Innovationen sollen die Kassen nicht mehr jeden geforderten Preis zahlen. Stattdessen soll der GKV-Spitzenverband in zentralen Verhandlungen Preisnachlässe aushandeln. Zur Not soll eine Schiedsstelle entscheiden, wie viel eine Innovation künftig noch wert sein darf. Damit kratzt Rösler kräftig am bisher sakrosankten Preismonopol der forschenden Industrie.
„Das hätten wir von einem liberalen Gesundheitsminister nie erwartet", klagt Bayer-Forschungsvorstand Wolfgang Plischke, der auch den Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) führt. Tatsächlich hatte der Verband bis zuletzt erwartet, sein Konzept durchzusetzen. Danach sollen die einzelnen Kassen über Rabatte für neue Medikamente verhandeln. Das wäre in der Tat das wettbewerblichere Konzept gewesen und hätte auch besser zum Koalitionsvertrag gepasst, in dem noch von Deregulierung und einer neuen wettbewerblichen Ordnung für Arzneimittel die Rede ist.
Zu 7 net_worker:
Wer soll denn die Weiterbildung bezahlen, Sie vieleicht?
Wenn der Staat die Fortbildung bezahlt, wird er ebenfalls massiv Einfluss auf die Ärzte ausüben.
Das Motte würde dann lauten: Das billigste ist das beste Medikament und reicht voll aus!
Ärzte sind sehr mündig und können sehr gut zwischen Werbung und Nutzen unterscheiden, vertrauen Sie einfach den Ärzten!
Hier ist noch ein Link zu einem kritischen Artikel bezüglich Marketing im Gesundheitswesen.
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=54218
Und hier auch mal ein positives beispiel. Wir wollen doch nicht alle Ärztinnen und Ärzte und über einen Kamm scheren.
Das finde ich gut: http://www.mezis.de/
Mehr davon !
@[3] Harald:
Dieses Argument ist die stärkste Waffe - Mit der Angst lässt sich gut Verdienen!
Wie wäre es denn, wenn die Ärzte sich ohne beeinflussung durch die Pharmaindustrie weiterbilden könnten. Was als sogenannte Weiterbildungen durch Pharmareferenten verkauft wird, ist nichts anderes als subtile Einflussnahme auf ärztliche behandlungs - und Verschreibungspraktiken.
Wer meint dass Pharmaunternehmen das Wohl der Patienten im Sinn haben, der lese mal hier diesen Artikel.
http://www.stern.de/wirtschaft/news/unternehmen/novartis-freundlich-clever-hoechst-aggressiv-604247.html?nv=ct_cb
Und das ist nur ein Fisch im großen Teich der Gesundheitsindustrie. Welcher Arzt kann von sich behaupten, dass er ohne Einfluß durch "Pharma" allein aufgrund der Diagnose und der erwiesenen Eigenschaften von Medikamenten behandelt ?
ich hoffe nicht, dass wir mal dahin kommen wo das Amerikanische Gesundheitssystem heute ist. Die höchsten Kosten für die Versicherten und trotzdem nicht die beste medizinische Versorgung (außer für die Superreichen). Wie im Fall Michael Jackson zu sehen war kann zu viel Medizin und Mißbrauch auch schädlich sein.
Das vertrauen zu meinem Arzt hört da auf, wenn ich mich fragen muß "Hat er mir dieses Medikament verschrieben weil es mir wirklich hilft, oder verfolgt er für sich rein wirtschaftliche interessen". Wenn ich mir ansehe, wie die Ärzte momentan mit der budgetierung kämpfen und diejenigen die den Hippokratischen Eid noch ernst nehmen, erhebliche wirtschaftliche Risiken auf sich nehmen, dann wird mir ganz schlecht. Wer käme da nicht in Versuchung den Verlockungen der Pharmaindustrie zu erliegen?
9 Kommentare
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