Spionage-Affäre
Unternehmen zweifeln an China

Vertreter von Unternehmen mit Geschäftsinteressen in China sind schockiert über die Verhaftung von Mitarbeitern des Bergbaukonzerns Rio Tinto in Schanghai. Dem australischen Spitzenmanager Stern Lu und drei weiteren Mitarbeitern droht die Todesstrafe: Chinesische Behörden werfen Lu und den anderen vor, Staatsgeheimnisse gestohlen zu haben.

DÜSSELDORF/CANBERRA. Die Verhaftung eines Managers des britisch-australischen Bergbaukonzerns Rio Tinto in Schanghai zieht immer größere Kreise. Inzwischen stehen die Beziehungen zwischen Canberra und Peking unter massivem Druck. Und Unternehmen zweifeln an der Sicherheit ihrer China-Geschäfte.

Die chinesische Geheimpolizei hatte Stern Lu und drei weitere Rio-Tinto-Mitarbeiter unter dem Vorwurf der Spionage und Bestechung festgenommen. Nach einem Bericht des "Sydney Morning Harald" soll sogar Chinas Präsident Hu Jintao persönlich die Ermittlungen angeordnet haben. Ein Regierungssprecher sagte, die Polizei habe "sehr starke Beweise", dass Lu Staatsgeheimnisse gestohlen habe. Dem Spitzenmanager droht bei einer Verurteilung die Todesstrafe.

Stern Lu, Australier chinesischer Abstammung, ist der oberste Vertreter der Eisenerzdivision des Bergbaukonzerns in China. Er ist für die Preisverhandlungen mit chinesischen Abnehmern verantwortlich und wird von Geschäftspartnern als "absolut integer" beschrieben. Sein früherer Vorgesetzter Ron Gosbee bezeichnete die Vorwürfe gegen Lu als "lächerlich". Sam Walsh, der für Eisenerz zuständige Rio-Tinto-Manager, betonte in einer Pressemitteilung, dass Rio Tinto wegen der Verhaftung der Mitarbeiter "überrascht und betroffen" sei. Die chinesische Seite habe der Gesellschaft bisher offiziell keine Beschuldigungen mitgeteilt.

Die Verhaftung des Rio-Tinto-Managers Stern Lu bedroht aber nicht nur die Beziehungen zwischen Canberra und Peking. Die Vertreter mehrerer Firmen mit Geschäftsinteressen in China zeigten sich schockiert über den Vorgang. "China als Investitionsplatz ist nicht mehr sicher", sagte ein Sprecher, der namentlich nicht genannt werden möchte.



Eine wachsende Zahl von Beobachtern glaubt, die Festnahme stehe im Zusammenhang mit dem gescheiterten Versuch des Staatskonzerns Aluminium Corp of China, Chinalco, seinen Anteil an Rio Tinto aufzustocken. Rio hatte Anfang Juni eine geplante Erhöhung der Beteiligung des chinesischen Metallkonzerns überraschend platzen lassen. An Stelle des Deals, der einen Umfang von 20 Mrd. Dollar gehabt hätte, unterzeichnete Rio Tinto ein Joint-Venture-Abkommen mit der ebenfalls britisch-australischen BHP Billiton. Die beiden Gesellschaften erwägen den Zusammenschluss ihrer australischen Eisenerzminen. Aus chinesischer Sicht ist dieser Plan problematisch, da die Unternehmen zusammen mit dem brasilianischen Bergbauriesen Vale fast die kompletten Eisenerzimporte Chinas kontrollieren würden.

Andererseits bleiben die Chinesen aber auch ohne die beabsichtigte Aufstockung bei Rio Tinto involviert. Insgesamt hält Chinalco 9,3 Prozent an dem britisch-australischen Bergbaukonzern. Erst Anfang Juli hat die chinesische Gesellschaft bei einer Kapitalerhöhung von Rio Tinto alle ihr zustehenden Anteile gezeichnet, um eine Verwässerung ihrer Beteiligung zu verhindern.

Das Interesse Chinas an Rio Tinto kommt nicht von ungefähr. Das Land will sich den Zugang zu wichtigen Rohstoffen sichern. Bereits seit geraumer Zeit kauft sich China über seine Staatskonzerne weltweit in Rohstofffirmen ein oder übernimmt sie. Jüngstes Beispiel ist die geplante Übernahme des größten argentinischen Ölkonzerns YPF durch China National Petroleum (CNPC) und China National Offshore Oil (CNOOC).

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