Stahl
Die Furcht vor der China-Lieferung

China steuert in diesem Jahr auf einen gewaltigen Überschuss seiner Stahlproduktion zu. Das staatliche Development Research Centre in Peking hat am Mittwoch eine neue Prognose vorgelegt, wonach die Stahlproduktion in diesem Jahr um 17,7 % auf 348 Mill. Tonnen steigt. Zugleich wird der inländische Verbrauch jedoch nur um 10,2 % auf 305 Mill. Tonnen zunehmen.

PEKING. Der entstehende Überschuss, 43 Mill. Tonnen, entspricht einer Jahresproduktion aller deutschen Stahlwerke. Nach Angaben des Düsseldorfer Stahlwerkbauers SMS Demag kamen im vergangenen Jahr 30 Mill. Tonnen neue Rohstahlkapazitäten auf den chinesischen Markt.

Es erscheint allerdings fraglich, ob die revidierte amtliche Prognose am Ende nicht sogar noch übertroffen wird. Schließlich steigerte China seine Stahlproduktion in den ersten fünf Monaten dieses Jahres im Vergleich zu 2004 um 27,4 %.

„Die Chinesen machen den gleichen Fehler wie die Europäer während der Stahlkrise in den 70er- und 80er-Jahren: Sie produzieren munter drauflos und achten nicht auf die Preise“, sagt BHF-Bank-Analyst Hermann Reith. Die Stahlbranche in China ist anders als in Europa noch wenig konsolidiert. Die fünf größten Hersteller kontrollieren mit einer Produktion von rund 70 Mill. Tonnen pro Jahr nur ein knappes Viertel des Angebots. Der Rest entfällt auf etwa 100 Kleinbetriebe.

Diese Anbieter kommen nun allerdings zunehmend in Schwierigkeiten, denn die Stahlpreise in China verfallen rapide; viele kleinere Unternehmen, so Reith, schreiben bereits rote Zahlen. Um den Produktionsüberhang abzubauen, wollen Konzerne wie der größte chinesische Stahlhersteller Baosteel ihre Produktion in den nächsten Monaten drosseln. Angeblich lagern in den chinesischen Häfen 40 Mill. Tonnen Eisenerz, die über den Bedarf geordert worden waren.

Auch die Europäer treten kräftig auf die Bremse. Branchenführer Mittal Steel kündigte am Mittwoch an, seine weltweite Produktion auch im dritten Quartal um insgesamt eine Mill. Tonnen zu kürzen, 360 000 Tonnen davon entfallen auf Europa. Der Branchenzweite Arcelor wird seine Flachstahlkapazitäten in Europa in den nächsten Monaten wie bisher nur zu etwa 80 % auslasten. Die britisch-niederländische Corus-Gruppe wird im dritten Quartal insgesamt 480 000 Tonnen weniger Stahl schmelzen.

Die Stahlhersteller in Europa sind alarmiert: Sollten die überschüssigen chinesischen Stahlmengen in den Export wandern, gerieten die Preise dadurch ins Rutschen. Dies würde die Gewinnmargen der Unternehmen empfindlich schmälern. Bereits seit Jahresanfang sind die Tagespreise für warm gewalzten Stahl um 14 % auf 510 Dollar je Tonne abgesackt. Die Versuche, den starken Anstieg der Rohstoffpreise in diesem Jahr an die Kunden weiterzugeben, sind in den vergangenen Monaten mehrfach gescheitert.

Der Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Dieter Ameling, erwartet aber nicht, dass China in den nächsten fünf Jahren zum Nettoexporteur für Stahl wird. Dies könne allenfalls bei einigen Produkten wie Walzdraht geschehen. Ameling erwartet auch keine Überkapazitäten in China. Es würden zwar viele neue Stahlwerke gebaut und bereits bestehende erweitert, dafür seien aber auch viele alte, unwirtschaftliche Anlagen stillgelegt worden.

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