Stahlbranche hofft
Das Feuer ist zurück

Die Stahlbranche hat unter der Krise gelitten wie kaum eine andere. Alleine in Deutschland stehen fünf der 15 Hochöfen still. In Bremen fährt der Marktführer einen Ofen wieder an, die Kurzarbeiter kehren an ihre Arbeitsplätze zurück. Und auch aus dem Ausland kommen Signale der Besserung.

BREMEN. Dreck und Schmutz, für Silke Helm sind das gute Zeichen. Sie steht vor einem Geflecht von Kühlleitungen im Bremer Hafen. Eine blonde Frau Ende dreißig in einem grau-roten Mantel, in klobigen Schuhen mit Stahlkappe und Helm. Sie sieht ein bisschen aus wie eine Astronautin. Emsig reibt sie mit dem Ärmel ihrer Schutzjacke den Schmierfilm vom Schild auf einer Kühlleitung. Dreck. Helm lächelt. Dreck bedeutet, dass es weitergeht in HO3. Dass alles irgendwie weitergeht. Und dies ist der Moment, an dem der Dreck zurückkehrt und mit ihm ein wenig Normalität.

Nun läuft HO3 wieder, so nennen die Arbeiter ihren Hochofen. Über ein Jahr stand er still. Die Krise hatte die Industrie zum Erliegen gebracht. Weltweit bauten die Autohersteller weniger Autos, lieferten die Zulieferer immer weniger zu, die Bauwirtschaft baute kaum noch. Sie alle brauchten kaum noch Stahl. Ihre Lager waren voll, es gab für sie nichts zu tun, also schickten sie ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit oder gingen pleite.

Die Bilanz der Stahlbranche in den ersten acht Monaten dieses Jahres war verheerend. Nur 760 Millionen Tonnen Stahl hat sie produziert und verkauft: fast ein Fünftel weniger als im Jahr zuvor. Zwischenzeitlich 80 Prozent weniger neue Aufträge. Silke Helms Arbeitgeber, der Arcelor-Mittal-Konzern, der Marktführer, legte Hochöfen still, das tat auch die Konkurrenz.

Das Feuer ist zurück in HO3. Der Lärm der Warnanlage tönt wieder durch die unterste Plattform, das eindringliche Tuten des neuen Bohrers füllt die Abstichhalle. Eine Maschine, die einem Industrieroboter ähnelt, fährt auf das untere Ende des Hochofens zu. Gebannt schauen einige Arbeiter zu, sie haben lange darauf gewartet.

Das Feuer ist zurück, die Nachfrage ist zurück, nicht nur in Bremen. Silke Helm und die Belegschaft in Bremen sind damit so etwas wie ein Barometer für den Aufschwung. Denn am Stahlabsatz lässt sich die Entwicklung der Weltwirtschaft ablesen. Stahl ist der am weitesten verbreitete Werkstoff. Die Kunden aus der Fahrzeug- und Maschinenbauindustrie bestellen wieder. Es geht aufwärts, langsam, aber immerhin. Auf niedrigem Niveau haben sich die Absatzzahlen seit April erholt. Auch in Frankreich, Belgien und Spanien fährt Arcelor-Mittal seine Anlagen hoch. Der Konzern ist der Konkurrenz mal wieder voraus. Bei den Deutschen, bei Thyssen-Krupp, Salzgitter und HKM, ruhen noch Teile der Produktion. Alleine in Deutschland stehen fünf der 15 Hochöfen still. HO3 in Bremen ist der erste Ofen, der wieder ans Netz geht.

Während sich in der Abstichhalle der Bohrer langsam durch feuerfeste Klinkersteine mahlt, die die hohen Temperaturen im Hochofen halten, sagt einer von Helms Kollegen: "Da sind mehrere Tonnen Kraft hinter." Es klingt die Hoffnung mit, dass es sich mit dem Aufschwung ebenso verhält.

Die Stimmung auf dem Markt hat sich deutlich gebessert. Auf dem Höhepunkt der Krise schickten die Stahlunternehmen allein in Deutschland mehr als die Hälfte der 90000 Stahlarbeiter in Kurzarbeit. Jetzt sind es noch 25000. Die Branche erwartet mit Spannung, was sich heute in Peking tut, ob von China ein weiteres Signal ausgeht. Dort kommen die großen Unternehmen der Branche zusammen, um über die Lage zu beraten. Es ist die Weltstahlkonferenz, und sie wollen klären, was hinter der Erholung steckt, ob sie von Dauer sein wird und die Unternehmen mehr Stahl kaufen, weil sie künftig wieder mehr produzieren wollen. Oder ob die sie vielleicht nur ihre Lager auffüllen. Natürlich reisen auch die Deutschen an. Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz, Salzgitter-Boss Wolfgang Leese.

Lakshmi Mittal, der gewichtigste, der Gründer von Arcelor-Mittal, sowieso.

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