Stahlhersteller
Thyssen-Krupp sucht nach Alternativen für Dofasco

Der Düsseldorfer Stahlhersteller Thyssen-Krupp hat kaum noch Chancen auf den Erwerb des kanadischen Konkurrenten Dofasco. Anfang Dezember wird die Entscheidung über den Neubau eines US-Werks fallen.

DÜSSELDORF. Der größte deutsche Stahlhersteller Thyssen-Krupp arbeitet mit Hochdruck an einer neuen Strategie für die Expansion in Nordamerika. Wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfahren hat, wird der Aufsichtsrat den Vorstand bereits auf seiner nächsten Sitzung am 11. August beauftragen, eine Machbarkeitsstudie für den Bau eines neuen Walzwerkes in den USA zu erstellen. Ende November will der Konzern dann endgültig über sein weiteres Vorgehen in Nordamerika entscheiden. Ein Sprecher von Thyssen-Krupp wollte sich nicht zur Tagesordnung der Aufsichtsratssitzung äußern.

Der Strategiewechsel ist notwendig, weil die Chancen für die Übernahme des größten kanadischen Stahlherstellers Dofasco praktisch auf null gesunken sind. Der weltgrößte Stahlhersteller Mittal Steel kann nicht, wie im Januar vereinbart, Dofasco für 3,8 Mrd. Euro an die Deutschen weiterverkaufen. Denn auch nach einer Fusion mit Mittal hält der Luxemburger Stahlkonzern Arcelor an seiner kanadischen Tochter fest.

Arcelor hatte sämtliche Dofasco-Anteile im Frühjahr an eine niederländische Stiftung übertragen. „Ein Verkauf von Dofasco ist rechtlich unmöglich“, bekräftigte Arcelor-Finanzchef Gonzalo Urquijo erst am Mittwoch. Mittal muss nun ein anderes Werk verkaufen, um die Fusionsauflagen der US-Wettbewerbsbehörde zu erfüllen. Doch diese erfüllen die Qualitätsanforderungen Thyssen-Krupp nicht. Die Düsseldorfer geraten ohne Dofasco in Zugzwang. Denn bis Anfang 2009 will der Konzern ein neues Stahlwerk in Brasilien in Betrieb nehmen. Die Hälfte der Jahresproduktion von fünf Mill. Tonnen Stahlbrammen sollte an Dofasco geliefert werden, der Rest nach Deutschland. „Thyssen-Krupp braucht nun einen anderen Zugang zum US-Markt, um die geplante Internationalisierung voranzutreiben“, sagte Stahlanalyst Hermann Reith von der BHF-Bank in Frankfurt.

Als Alternative zu Dofasco kommt der Bau eines neuen Walzwerkes im Süden oder mittleren Osten der USA in der Nähe der Werke europäischer oder japanischer Automobilhersteller wie BMW oder Honda in Frage. Die von diesen Kunden nachgefragten Qualitäten können die meisten US-Stahlhersteller bislang nicht liefern. Ein Neubau auf der grünen Wiese wäre außerdem mit Investitionen von knapp zwei Mrd. Euro nur halb so teuer wie die Dofasco-Übernahme. Jedoch besitzen die Kanadier – anders als die Deutschen – auch eine eigene Erzmine, deren Wert Analysten mit 1,3 Mrd. Euro beziffern.

Hinzu kommt: Innerhalb von nur zwei Jahren müsste Thyssen-Krupp das gesamte Projekt – vom Kauf eines geeigneten Grundstücks bis zur Inbetriebnahme – realisieren. Ein wichtiges Problem wäre auch dann ungelöst: Kunden, die Thyssen-Krupp mit der Dofasco-Übernahme gleich mit gekauft hätte, müssen erst noch gewonnen werden. Konzernchef Ekkehard Schulz vertraut allerdings darauf, dass Thyssen-Krupp mit seinen diversen US-Töchtern „kein Newcomer auf dem Markt ist“. Schon heute exportiert Thyssen-Krupp jährlich rund eine Million Tonnen Stahlbleche in die USA.

Bis Dezember muss der Startschuss für den Neubau in den USA fallen, andernfalls ist der enge Zeitplan nicht zu halten. Branchenexperte Reith sieht allerdings noch eine weitere Möglichkeit, wie die Auflagen der US-Wettbewerbsbehörden erfüllt und der Vertrag mit Thyssen-Krupp eingehalten werden kann: „Mittal verkauft zu einem attraktiven Preis eines seiner Werke samt Kundenstamm, Thyssen-Krupp baut parallel eines neues Werk.“

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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