Die Wechselkursentwicklung wird immer mehr zum ernsthaften Problem für BMW, VW und Daimler. Um in Zukunft dreistellige Währungsverluste zu vermeiden, tüfteln die Großunternehmen an sehr unterschiedlichen Marktstrategien.
DETROIT. Für die deutschen Produzenten von Premiumautos wird das wichtige Geschäft in den USA als größtem Automarkt der Welt immer mehr zum Rechenspiel. Der schwache Dollar bereitet den Firmen mehr und mehr Kopfschmerzen. „Der gegenwärtige Euro-Kurs tut uns verdammt weh“, sagt Volkswagen-Chef Martin Winterkorn dem Handelsblatt in Detroit. Der Kurs schlage sich zwar nicht aktuell nieder, da VW für 2008 noch gut abgesichert sei. „Aber langfristig hat man bei einem Eurokurs von 1,45 Dollar keine große Freude.“ Auch die Experten der Ratingagentur Moody’s sehen einen starken Euro 2008 als ernsthaften Risikofaktor für die Ertragslage. Die anhaltende Dollar-Schwäche stelle für BMW, VW und Daimler ein echtes Problem dar, heißt es in einer aktuellen Studie.
Um sich unabhängiger von den Währungsrisiken zu machen, wollen vor allem BMW und VW Produktion und Einkauf im Dollar-Raum ausweiten. So steht VW vor der Entscheidung für den Bau eines Werkes im Dollarraum. Und die Bayern, die bereits ein Werk in den USA haben, wollen ihren Einkauf im Dollarraum erhöhen, sagt BMW-Chef Norbert Reithofer. Die Hersteller ziehen damit Konsequenzen aus der anhaltenden Stärke des Euro, die die Gewinnmargen für Exportfahrzeuge auf dem nach wie vor größten Automarkt der Welt deutlich schmälert. Ein rasches Ende des Euro-Höhenfluges ist nicht in Sicht: Bankvolkswirte erwarten zur Jahresmitte einen Kurs von 1,45 Dollar.
Neben der Absicherung des Währungsrisikos durch Finanzinstrumente wird für die Autokonzerne aus Europa damit das sogenannte Natural Hedging, also die natürliche Absicherung durch Verlagerung von Kapazität und Einkauf in den Dollarraum, immer dringlicher. Die großen deutschen Premiumhersteller Daimler und BMW haben im Gegensatz zu Konkurrenten wie der VW-Tochter Audi bereits seit Jahren eigene Werke in den Vereinigten Staaten. Dennoch kann die Fertigung im Dollarraum bisher nicht das Währungsrisiko komplett kompensieren. Allein BMW fuhr 2006 nach eigenen Angaben Währungsverluste von rund 666 Mill. Euro ein. In diesem Jahr sollen die Belastungen zwar geringer ausfallen, werden aber nach Aussagen des neuen BMW-Finanzvorstands Michael Ganal weiter deutlich im dreistelligen Millionenbereich liegen.
Ein Teil der Ursachen für die Abhängigkeit der Münchener von Währungsschwankungen liegt in den bisherigen BMW-Fertigungsstrukturen begründet. Zwar sollen künftig bis zu 240 000 Fahrzeuge pro Jahr im US-Werk in Spartanburg gefertigt werden, das wären fast 100 000 mehr als bisher. Doch nur ein geringer Teil der in den USA verwendeten Teile stammen aus dem Dollar-Raum. Viele teure Bauteile wie etwa Motor und Getriebe werden aus Deutschland nach Übersee verschifft. So machte der Einkauf im Dollarraum 2006 nach Angaben von BMW lediglich neun Prozent aus. Eine Quote, die sich unter Ganal nun rasch nach oben bewegen soll.
Auch beim Konkurrenten Audi rücken Überlegungen über eine US-Produktion wieder stärker in den Vordergrund. Um das Währungsrisiko zu mindern, sei eine „Fabrik in den USA Teil der strategischen Überlegungen“, sagte Audi-Chef Rupert Stadler jüngst in einem Interview.
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Allerdings kann Natural Hedging aus Sicht der Experten nur eine sehr langfristige Lösung für Währungsschwankungen sein. Ein Werksneubau oder die Neuausrichtung von Zulieferketten braucht in der Regel mehrere Jahre und dient damit kaum zum Schutz gegen kurzfristige Schwankungen.
Bei den deutschen Herstellern treten vor diesem Hintergrund durchaus Unterschiede zu Tage. So schließt Daimler-Chef Dieter Zetsche vorerst einen verstärkten Einkauf im Dollar-Raum oder die Verlagerung von weiterer Produktion nach Nordamerika aus. Die amerikanischen Zulieferer seien wegen der Krise der US-Autohersteller in keiner guten Verfassung, sagte er jüngst. Eine neue Fabrik zu bauen nehme Zeit in Anspruch, in der sich der Dollar-Kurs auch wieder fangen könne. Dann wären die Investitionen womöglich hinausgeschmissenes Geld, warnte der Zetsche, der sich 2007 von der US-Sparte Chrysler getrennt hatte.
Daimler hatte erst 2005 das Mercedes-Werk Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama kräftig ausgebaut. Dort produziert das Unternehmen inzwischen 15 Prozent seiner Autos. Fast alle Geländewagen-Varianten der Baureihen M, GL und R laufen in Alabama vom Band.
Allerdings bekommen auch die Stuttgarter bekommen den starken Euro zu spüren. Daimler hat sich deshalb durch Finanzgeschäfte gegen Kursschwankungen des Dollar nahezu vollständig abgesichert. Auch für 2008 ist der Konzern nach eigenen Angaben schon zu mehr als 60 Prozent abgesichert. Für 2009 liege die Quote bei einem Fünftel. Als Musterschüler beim Finanzhedging gilt in der Branche Porsche. Zuletzt verlängerte der Sportwagenhersteller seine Finanzgeschäfte, die vor Dollar-Schwankungen schützen sollen, um drei Jahre bis 2013. Porsche geht auf Nummer sicher – Finanzchef Holger Härter hält einen Umtauschkurs von 1,60 Dollar je Euro für denkbar. Analysten schränken allerdings ein, dass es dem Sportwagenhersteller angesichts seiner geringen Absatzzahlen deutlich leichter falle, sich gegen schwankende Wechselkurse zu wappnen, als beispielsweise BMW, die allein in den USA mit mehr als 300 000 Fahrzeugen verkaufen – das Dreifache des weltweiten Porsche-Absatzes.
Damit ist für VW das Vorgehen des Großaktionärs Porsche kein Maßstab für die eigene US-Strategie. Neben einem starken Finanz-Hedging – die Wolfsburger sind bis 2009 fast komplett abgesichert – stehen die Manager laut Unternehmenskreisen kurz vor dem Zuschlag für einen Standort in den USA. Volkswagen ist in Nordamerika schon mit einem Werk im mexikanischen Puebla vertreten. Durch einen weiteren Standort auf dem Kontinent soll der US-Absatz auf 800 000 Fahrzeuge bis 2015 mehr als verdoppelt werden. „Wir benötigen großes Volumen auch im Dollarraum“, hatte VW-Produktionsvorstand Jochem Heizmann jüngst betont.
Eine Entscheidung für eine Erweiterung der Produktionskapazitäten im Dollarraum könnten der Marke auf dem US-Automarkt neue Impulse geben, glaubt Auto-Analystin Maria Bissinger von der Ratingagentur Standard & Poor’s. Es sei ein wichtiger Grund für den Siegeszug der Japaner in den USA gewesen, dass sie stark auf eine lokale Produktion gesetzt hätten. So bereitet heute der schwache Dollar den Japanern deutlich weniger Kopfzerbrechen als der Konkurrenz aus Europa.

