Nach der Scheidung von Chrysler musste sich Daimler-Chef Dieter Zetsche nach einer neuen Heimat in den USA umsehen. Gefunden hat er sie in Tuscaloosa im Bundesstaat Alabama. Das dortige Werk erlebt jetzt seinen zweiten Frühling.
TUSCALOOSA. Das Fließband kennt keine Gnade: Im Minutentakt liefert es blecherne Skelette, an denen die Arbeiter schweißen, schrauben und kleben. Darunter auch ein großer schlanker Mann mit grauem Walrossbart. Im weißen Polo-Shirt mit schwarzem „Dieter“-Schriftzug auf der rechten Brust steht er in der Produktionshalle und montiert die Innenraumverkleidungen. Er gibt sich Mühe, aber es reicht nicht. Nach eineinhalb Stunden Arbeit muss er zugeben: „Wir wissen jetzt, dass wir die Produktion wieder den wahren Experten überlassen müssen.“
Daimler-Chef Dieter Zetsche hat seine Lektion gelernt – genauso wie die anderen 120 Topmanager des Konzerns, die sich Mitte dieser Woche ans Fließband im Mercedes-Werk in Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama gestellt haben. Als der Tross seine Arbeit einstellt, fällt die Bilanz ernüchternd aus: „Wir liegen elf Fahrzeuge unter Plan“, sagt Zetsche.
Es ist nur eine Übung, die das so genannte Senior Management von Daimler unter dem Arbeitstitel Teambildung abhaken kann, aber sie hat Symbolcharakter. Sie demonstriert: Hier in Tuscaloosa ist jetzt unsere neue Heimat. Keine Rede mehr von Auburn Hills, der Heimat von Chrysler, Jeep und Dodge. Das ist kein Thema mehr für Daimler, nachdem Zetsche vor zwei Monaten die Scheidung von Chrysler eingereicht hat.
Tuscaloosa erlebt jetzt seinen zweiten Frühling – pünktlich zum zehnjährigen Bestehen des Werks. Daimler-Nutzfahrzeugchef Andreas Renschler hatte das Abenteuer angeschoben. Es war die erste amerikanische Mercedes-Produktion. Heute spricht Rentschler von einer „ganz außergewöhnlichen Beziehung“. Auch Zetsche verteilt Lob: Die Arbeiter seien „höflich, professionell, konstruktiv, freundlich“.
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4 000 sind es inzwischen, die hier an der Geburtsstätte der Mercedes-Geländewagenfamilie Tag für Tag 700 Fahrzeuge der M-, R- und GL-Klasse produzieren. Die Fabrik ist bereits zweimal erweitert worden, das ursprüngliche Produktionsziel wird um mehr als das Doppelte übertroffen. Das hört sich ein bisschen nach Toyota an – nur hier ist eben „made by Mercedes“.
Zetsche kann gute Nachrichten aus den USA vermelden. In dieser Rolle hat man ihn, den glücklosen Chrysler-Sanierer, zuletzt selten gesehen. Entsprechend locker ist die Stimmung bei der Feier zum zehnjährigen Produktionsjubiläum am gestrigen Donnerstag: Bei der Pressekonferenz sitzt Zetsche an einem Bistrotisch – der Gouverneur von Alabama, Bob Riley, in schwarzen Cowboy-Stiefeln neben ihm. Ausgiebig werden Komplimente verteilt, Hände geschüttelt, Schultern geklopft.
Nicht nur für Zetsche laufen die Geschäfte in Alabama glänzend. Dasselbe gilt für den Gouverneur. Die Arbeitslosenrate liegt in dem Bundesstaat unter vier Prozent, es herrscht quasi Vollbeschäftigung, immer neue Unternehmen siedeln sich an, allein 52 deutsche Firmen sind darunter. Gerade erst hat Thyssen-Krupp das größte Investment verkündet, das je ein Unternehmen in Alabama getätigt hat: 3,7 Milliarden Dollar für ein neues Stahlwerk. Willkommen im US-Wirtschaftswunderland.
Mercedes hat diese Entwicklung Mitte der 90er-Jahre miteingeleitet. Erstmals gab der Stuttgarter Konzern sein Verkaufsargument „made in Germany“ auf. Das war eine faustdicke Überraschung in der Branche und höchst umstritten darüber hinaus. Daimler vertraut in Alabama zudem auf eine angelernte Belegschaft, die weitgehend fertige Module der Zulieferer montiert.
Das Wagnis geht auf, die Premium-Geländewagen verkaufen sich weit besser als erwartet. Im Sog des Mercedes-Erfolgs siedeln sich auch Honda und Hyundai mit eigenen Werken in Alabama an.
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Der US-Bundesstaat kennt auch noch ganz andere Zeiten. Rückblende: Die Stadt Birmingham in der Nähe von Tuscaloosa entwickelt sich in den 60er-Jahren zum blutigen Kriegsschauplatz im Kampf um Bürgerrechte. Martin Luther King schreibt dort 1963 aus dem Stadtgefängnis seinen berühmten „Letter from Birmingham Jail“. Der Demokrat Eugene „Bull“ Connor geht in die Geschichtsbücher ein als jener Mann, der Polizeihunde auf friedliche schwarze Demonstranten hetzen lässt. Zwar geht die Zeit der brennenden Kreuze vorbei, aber die Imageprobleme und ein Etikett der Rückständigkeit bleiben lange am gesamten Süden der USA kleben.
Als in den 80er-Jahren die Hochöfen in Birmingham abgestellt werden und die Arbeitslosenquote auf mehr als 30 Prozent steigt, scheint die Region dem Untergang geweiht. Alabama hat deshalb Anfang der 90er-Jahre all seine Energie und die letzten finanziellen Reserven in das Mercedes-Projekt gesteckt: Mit 250 Millionen Dollar subventionierte der Bundesstaat das Daimler-Werk. Dem Vorwurf, Alabama verkaufe sich zu billig, tritt der Gouverneur entschieden entgegen: „Der Fall Mercedes zeigt doch, dass wir diese Steuervergünstigungen wieder hereinholen.“
Vieles spricht dafür, dass die Beziehung zwischen Daimler und Alabama deutlich länger hält als die „Hochzeit im Himmel“ mit Chrysler. Für das angenehme Klima sorgen hier nicht nur die Sonne und die freundlichen Südstaatler, sondern insbesondere auch Steuervorteile, gewerblicher Baugrund zum Nulltarif und ein Lohnniveau, das deutlich niedriger liegt als etwa im schwer kranken Auto-Mekka Detroit. Die Gewerkschaft United Auto Workers, die mit ihrer starren Haltung maßgeblich dazu beitrug, dass Zetsche Chrysler zum Verkauf stellte, ward hier noch nie gesehen.
Auch deshalb wird jetzt gefeiert: Gleich mehrfach spricht Zetsche vom „neuen Daimler-Konzern“, der auch in der Ära nach Chrysler „weiterhin tiefe Wurzeln in den USA“ habe. Für die großen Emotionen aber sind die Südstaatler zuständig: „Ihr habt ein besseres Alabama gebaut“, ruft Gouverneur Riley den Mercedes-Fabrikarbeitern unter lautem Jubel zu. Zetsches bessere Daimler AG dürfte bald so aussehen: weniger Chrysler, mehr Alabama.

