Stimmung ist gereizt
Ein Jahr Wolfsburg auf Bewährung

Die Stimmung ist gereizt, als Bernd Pischetsrieder die Betriebsversammlung der VW Nutzfahrzeuge in Hannover-Stöcken betritt. In der tristen Werkshalle mit den dreckig-weißen Pfeilern, den Eisenschienen und den milchigen Fenstern warten ängstlich- gespannt mehr als 5 000 Beschäftigte auf das, was er an diesem Junitag verkünden wird.

HB FRANKFURT. Denn jedem Dritten hier droht der Verlust des Arbeitsplatzes, das Werk braucht unbedingt einen Nachfolgeauftrag für den LT-Transporter, der künftig gemeinsam mit Daimler-Chrysler in Polen gebaut wird.

Bernd Pischetsrieder ist alles andere als angespannt. Von einigen Scheinwerfern an der Decke ins rechte Licht gesetzt, wirkt er geradezu locker. Mit einem Beckenbauer-Grinsen betrachtet der Bayer die knallgelben T-Shirts der Beschäftigten, die eigens für den hohen Besuch aus Wolfsburg mit der Aufschrift „Heute LT, morgen Microbus“ gedruckt wurden.

Pischetsrieder weiß, er wird diese Versammlung als Gewinner verlassen. Gleich wird er verkünden, dass der Microbus – eine moderne Interpretation des legendären Bulli-Busses – in Hannover gebaut werden wird. „Ihre Arbeitsplätze sind sicher“, ruft er seinen Mitarbeitern mit seiner kräftigen Stimme zu. Dann zieht er sich eines der Gewerkschafts-T-Shirts über den Kopf. Also doch alles in Ordnung in der großen, harmonischen VW-Familie.

Die Momente, in denen sich Pischetsrieder in Siegerpose zeigen kann, sind rar geworden. Bei VW brodelt es, heute wird der Konzern schon wieder melden, dass er seine Ziele verfehlt hat. Überraschend schnell ist die Luft dünn geworden für den Mann aus Bayern.

Mit Pischetsrieders Gelassenheit ist es schon kurz nach dem Familientag von Hannover vorbei. Als sich an einem Montag danach der Vorstand trifft, wird der Konzernchef, der das Unternehmen nach außen mit demonstrativ ruhiger, manchmal sogar bedächtiger Hand führt, deutlich und auch laut. Sein Sparprogramm „ForMotion“, das er im Frühjahr angestoßen hat, lahmt. Die Einsparpotenziale, die in diesem und im kommenden Jahr vier Milliarden Euro bringen sollen, sind zwar größtenteils identifiziert. Doch es hapert an der Umsetzung.

Pischetsrieder macht Druck. Hinter den roten Backsteinmauern des schmucklosen Wolfsburger Verwaltungsbaus am Mittellandkanal erleben die Kollegen den Kämpfer: Pischetsrieder schlägt auf den Tisch, poltert. An diesem Tag bekommen die Vorstände „Hausaufgaben“ mit auf den Weg, berichten Teilnehmer. „Da ist richtig Dampf drauf“, verkündet er hinterher selbst.

„Pischetsrieders größter Fehler war es, die behäbige VW-Kultur zu unterschätzen“, sagt einer aus der zweiten Managerriege, die jetzt das Sparprogramm umsetzen muss. Der Chef glaube an das Gute im Menschen, sein Vorgänger Ferdinand Piëch habe dagegen immer mit dem Schlechtesten gerechnet. „Genau darauf ist die VW-Struktur aufgebaut.“ Es sei zu wenig, nur auf guten Willen zu setzen, wenn man den Tanker Volkswagen wieder auf Kurs bringen wolle, kritisiert ein anderer VW-Manager, der nicht in den Wolfsburger Strukturen groß geworden ist. „Die warten auf Befehle, aber es kommen keine.“

Wie sich Pischetsrieder die Führung eines Konzerns vorstellt, das hat er in Konzernleitlinien festschreiben lassen. Hinter allem steht der Geist der Selbstverantwortung und Eigeninitiative. So definiert er Respekt nicht als Ehrerbietung gegenüber der nächsten Hierarchiestufe, sondern verlangt im Gegenteil, dass diese nicht andauernd Entscheidungen korrigiert. So führt der Bayer auch: Er spricht langsam, manchmal fast monoton und lässt sich überzeugen. Für die Piëch-geprägten Wolfsburger ist das eine Kulturrevolution.

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