Streit um Medikament Pradaxa
Boehringer geht gegen „sensationelle Behauptungen“ vor

Mittlerweile 2500 Kläger gehen in den USA gegen das deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim vor. Die Firma ist überzeugt, die Verfahren für sich zu entscheiden. Firmenchef Barner kämpft um einen Umsatzschlager.
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New YorkVoraussichtlich im September beginnt in den USA ein Prozess, der einschneidende Folgen für das zweitgrößte deutsche Pharmaunternehmen haben kann. Mittlerweile 2500 Kläger ziehen dort gegen das Familienunternehmen Boehringer Ingelheim vor Gericht. Dessen Gerinnungshemmer Pradaxa soll für schwere Blutungen und Todesfälle verantwortlich sein soll. Und Boehringer hätte vieles davon verhindern können, lautet der Vorwurf, den der Konzern als substanzlos zurückweist.

Im Jahr 2012 hatte das Präparat einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro beschert und im vergangenen Jahr sogar 1,2 Milliarden Euro, wie Boehringer Ingelheim am Dienstag mitteilte. Verschreibungspflichtige Medikamente machen drei Viertel des gesamten Unternehmensumsatzes in Höhe von 14 Milliarden Euro aus. Der Umsatzrückgang um vier Prozent 2013 war unter anderem einem deutlichen Minus bei den Präparaten Micardis und Combivent geschuldet – Pradaxa legte gegen den Trend zu.

Firmenchef Andreas Barner ist fest entschlossen, den Erfolg des Verkaufsschlagers zu verteidigen. „Wir sind sehr zuversichtlich, in sämtlichen Gerichtsverfahren darlegen zu können, bei der klinischen Entwicklung und dem Marketing von Pradaxa stets in angemessener (...) Weise gehandelt zu haben“, heißt es in seinem Redemanuskript zur am Dienstag vorgelegten Bilanz. So sei vor einigen Tagen von der US-Arzneimittelbehörde FDA die Pradaxa-Zulassung auf Anwendungsgebiete wie Venenthrombose erweitert worden.

Dennoch wird Barner so schnell nicht die Beschwerden der Kläger ausblenden können. Die Nebenwirkungen hätten rund acht Monate begonnen, nachdem er mit der Einnahme von Pradaxa begonnen hatte, berichtet etwa Paul Payne Jr. im Gespräch mit einem amerikanischen TV-Lokalsender. „Da waren diese schlimmen Kopfschmerzen“, so der pensionierte Feuerwehrmann , „dann blutete ich an den Zähnen, aus den Ohren, der Nase, ich hatte Blut im Stuhl.“ Er ließ Bluttests machen und wurde sofort in die Notaufnahme überwiesen. Als er mit seiner Tochter darüber sprach und sie sagte, „Du stirbst!“, habe er noch ungläubig gelacht. Bluttransfusionen retteten dann sein Leben. Heute nimmt er ein anderes Mittel.

Payne ist seiner Auffassung nach gerade noch einmal davongekommen. Mehr als tausend andere Patienten sollen in den USA nicht so viel Glück gehabt haben. Ihr Tod könnte mit der Einnahme eines Top-Umsatzbringers des deutschen Pharmaunternehmens zusammenhängen, behaupten die Kläger. Pradaxa von Boehringer Ingelheim ist einer der Gerinnungshemmer einer neuen Generation. Sie versprechen einfachste Prophylaxe vor Schlaganfällen bei Patienten mit Herzproblemen. Pradaxa verdünnt das Blut, um so Schlaganfälle zu verhindern. Aber es gibt offenbar ein Problem: Es gibt kein Gegenmittel, um im Notfall Nebenwirkungen kurzfristig zu neutralisieren und Blutungen zu stillen.

Eine Tatsache, die Boehringer auf Anfrage von Handelsblatt Online auch gar nicht leugnet. Weder bei Pradaxa noch bei den Konkurrenzprodukten der neuesten Generation von Gerinnungshemmern sei das derzeit der Fall, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Ein sogenanntes Antidot ist aber in der Entwicklung. „Die Beantragung der Zulassung dieses Moleküls ist für 2014/15 avisiert“, heißt es im Geschäftsbericht.

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Boehringer geht gegen „sensationelle Behauptungen“ vor

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