Strom
Energieverbraucher bangen um den Wettbewerb

Die jüngsten Übernahmen in der Energiebranche lassen bei den Großverbrauchern in der Industrie die Alarmglocken schrillen. Sie befürchten erhebliche Nachteile für den Wettbewerb auf den Strom- und Gasmärkten. Auch Kartellrechtler sind alarmiert.

BERLIN. Die Übernahmen behinderten die Entwicklung eines wettbewerblichen europäischen Energiemarktes, kritisiert der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK). Im VIK haben sich große Energieverbraucher aus der Industrie zusammengeschlossen. Der Verband steht für etwa 80 Prozent des industriellen Energieeinsatzes in Deutschland.

Der schwedische Vattenfall-Konzern hatte zu Wochenbeginn die Übernahme des niederländischen Konkurrenten Nuon angekündigt. Außerdem kauft RWE das ebenfalls niederländische Unternehmen Essent. Sowohl Nuon als auch Essent sind auch auf dem deutschen Markt aktiv. RWE und Vattenfall bilden gemeinsam mit Eon und EnBW die Gruppe der großen Player auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt. Im Strombereich belegen Eon und RWE mit großem Abstand die Spitzenplätze. Sie stehen für rund 60 Prozent der Stromproduktion in Deutschland. Gemeinsam mit Vattenfall und EnBW liegt der Anteil bei mehr als 80 Prozent.

Mit Essent und Nuon würden "wettbewerblich sehr aktive Strom- und Erdgasanbieter von zwei der ganz großen Vier aufgekauft, die bereits in den letzten Jahren sehr aktiv Strom- und Erdgasmarktanteile zusammenkauften", heißt es beim VIK. Gerade größere deutsche Industriekunden fänden "bei den beiden agilen niederländischen Akteuren im deutschen Markt gegenwärtig noch interessante Alternativen zu den angestammten Anbietern", sagte VIK-Geschäftsführer Alfred Richmann. Diese Alternativen gehen nun verloren.

Auch aus Sicht von Kartellrechtlern ist das bedenklich. "Bei mir erzeugt die Übernahme von Nuon durch Vattenfall durchaus ein gewisses Unwohlsein", sagte Justus Haucap, Vorsitzender der Monopolkommission, dem Handelsblatt. Er sei gespannt auf die kartellrechtliche Prüfung des geplanten Kaufs. "Nuon ist besonders in Hamburg und Berlin ein starker Wettbewerber für Vattenfall. Wenn man in diesen Städten den aktivsten Konkurrenten vom Markt nimmt, wird der regionale Wettbewerb deutlich geschwächt", kritisierte er. Aus Haucaps Sicht ist der Strommarkt in Deutschland noch immer stark regionalisiert. "Das lässt sich daran ablesen, dass es in vielen Städten noch immer regionale Anbieter mit einem Marktanteil von 90 Prozent oder darüber gibt. Man kann daher nicht nur die deutschlandweiten Folgen der Übernahme von Nuon durch Vattenfall betrachten", sagte der Vorsitzende der Monopolkommission. Die Monopolkommission ist ein unabhängiges Beratungsgremium für die Bundesregierung auf den Gebieten der Wettbewerbspolitik und Regulierung

Haucap sieht jedoch nicht nur die Gefahren für den regionalen Wettbewerb. "Nach der geplanten Übernahme von Essent durch RWE ist der Fall Vattenfall/Nuon nun der zweite seiner Art innerhalb weniger Wochen. Dahinter steckt der Trend zu einer Europäisierung auf der Anbieterseite. Die Vorteile eines Ausbaus der Grenzkuppelstellen schwinden, wenn auf beiden Seiten der Grenze der selbe Anbieter sitzt", sagte Haucap. Tatsächlich erhofft sich die Politik vom Ausbau grenzüberschreitender Stromübertragungskapazitäten eine Belebung des Wettbewerbs. Der Effekt könnte jedoch mit grenzüberschreitenden Unternehmensübernahmen ins Leere laufen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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