Stromversorgung
Der kluge Kabelsalat der Zukunft

Kleinkraftwerke und Elektroautos belasten die Stromleitungen schon heute extrem. Außerdem schwankt das Stromangebot seit dem Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Unternehmen testen deshalb neue Techniken, um die Versorgung zu sichern. IT-Firmen wittern ein gutes Geschäft.
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DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Friedrichshafen am Bodensee ist seit Anfang des Monats Teststadt für das Stromnetz der Zukunft. Die Deutsche Telekom installiert derzeit im Stadtteil Oberhof hinter 2 000 Stromzählern Mini-Computer, die jede Viertelstunde den Stromverbrauch des Haushaltes messen.

In Oberhof stehen mehrere alternative Energiequellen - ein Blockheizkraftwerk, eine Brennstoffzellen- und eine Photovoltaik-Anlage sowie drei kleine Flusskraftwerke. Die Solaranlage und die Wasserkraftwerke liefern - abhängig vom Wetter - nur unregelmäßig Strom. Mit den Mini-Computern kann der Verbrauch der Kunden aber an das Angebot angeglichen werden. Der Strom-PC stellt Maschinen, die nicht immer gebraucht werden, an, wenn das Angebot groß ist. Ein Rechner ist beispielsweise an die Waschmaschinen eines Friseur-Salons angeschlossen und schaltet dessen Waschmaschinen für die Handtücher nur noch an, wenn nachts besonders viel Strom zur Verfügung steht. Selbst ein Gefrierschrank muss nicht permanent mit Strom versorgt werden, sondern kann auch mal für eine halbe Stunde abgeschaltet werden.

Die T-City in Friedrichshafen setzt an einer der größten Herausforderungen der Stromversorgung an - dem Aufbau eines intelligenten Netzes, eines "Smart Grid". Und sie zeigt, dass sich Telekommunikations- und IT-Anbieter von den Nöten der Versorger ein lukratives Geschäft versprechen.

Eon, RWE, aber auch Hunderte Kommunalversorger müssen im nächsten Jahrzehnt ihre Netze zukunftsfähig machen. Das Problem: Es wird immer schwieriger, Angebot und Nachfrage in Einklang und die Spannung im Netz stabil zu halten. Früher war die Verteilung des Stroms vergleichsweise einfach. Produziert wurde er fast nur von den Versorgern und überwiegend in Großkraftwerken, abgenommen wurde er von Unternehmen und Haushalten. Das war vergleichsweise einfach zu kalkulieren und zu steuern. Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien schwankt aber die Produktion abhängig vom Wetter. Zudem wird der Strom dezentral produziert und ist so nur schwer zu kalkulieren. Selbst Privathaushalte speisen Elektrizität, die sie von Solardächern gewonnen haben, ins Netz ein. Und eine zusätzliche Herausforderung sind Elektroautos, die unregelmäßig Strom an den Zapfsäulen ziehen werden. Die Bundesregierung will bis 2020 eine Million E-Autos auf die Straße bringen.

Milliardeninvestitionen sind nötig

Deutschlands größter Energiekonzern Eon rechnet mit 20 Mrd. Euro, die Deutschland bis 2020 in den Umbau der Netze stecken muss, um diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Zum einen müssen die Leitungen verstärkt werden. Sinnvoll ist zudem eine intelligente Steuerung, die für eine bessere Abstimmung von Angebot und Nachfrage sorgt. Kernpunkt sind intelligente Zähler (Smart Meter), die in den Haushalten installiert werden und Daten sammeln. Auch alle anderen Verbraucher und Produzenten liefern Daten. Mit speziellen Tarifen könnten dann beispielsweise Autofahrer dazu gebracht werden, Elektroautos eher in der Nacht zu laden, wenn der Verbrauch ansonsten niedrig ist.

Große Versorger arbeiten schon lange an dem Projekt. RWE beispielsweise installiert in einem Feldversuch in Mülheim an der Ruhr 100 000 Zähler, EnBWs Tochter Yello bietet den "Sparzähler" an. Ab Januar sind in Neubauten intelligente Zähler sogar vorgeschrieben.

Kleine kommunale Netzgesellschaften werden aber an ihre Grenzen stoßen. Vor allem hier versprechen sich Telekommunikations- und IT-Anbieter gute Geschäfte. Würde bei allen Energie-Kunden wie in Friedrichshafen der Verbrauch im 15-Minuten-Takt abgefragt, stiege die Datenmenge, die der Versorger verarbeiten muss, um das Hundertfache, rechnet die Großkundentochter der Telekom, T-Systems, vor. Mit ihren riesigen Servern und DSL-verkabelten Zählern bietet sie sich deshalb als Dienstleister an. "Intelligente Stromnetze sind ein sehr wichtiges Wachstumsfeld für uns", sagt ein Sprecher. Das Geschäftsmodell fußt auf einer Grundgebühr für den Einbau der Mini-PCs und einer monatlichen Gebühr, die davon abhängt, wie oft der Versorger die Daten erfassen will.

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