Studie
Konzerne lösen sich vom Inland

Die Heimatmärkte werden für die großen Konzerne immer unwichtiger. Die von vielen europäischen Regierungen praktizierte Förderung nationaler Champions wird durch die zunehmende Internationalisierung der großen Konzerne faktisch unterlaufen. Deutschland gilt hierbei als Musterbeispiel.

BERLIN / DÜSSELDORF. Dies ist das Ergebnis einer Vergleichsstudie des Brüsseler Forschungsinstituts Bruegel unter den 100 größten europäischen Konzernen. Das Institut wurde im vergangenen Jahr von den EU-Regierungen und einigen Großunternehmen gegründet mit dem Ziel, die europäische Politikberatung zu verbessern. Der EU-Ministerrat und das Europäische Parlament nutzen die Studien als Arbeitsgrundlage.

Die europäischen Top 100 erbringen laut Bruegel-Institut zusammen ein Drittel der gesamten europäischen Wirtschaftsleistung. Dabei verlieren die Heimatmärkte dramatisch an Bedeutung. Zwischen 1997 und 2005 fielen dort die Umsätze von 50 Prozent auf weniger als 37 Prozent. In Deutschland sanken die Inlandsumsätze bei den Industrie-, Handels- und Dienstleistungskonzernen im Deutschen Aktienindex (Dax) seit 2000 um 16 auf nur noch 30 Prozent. Der Automobilkonzern Daimler-Chrysler und die Pharmariesen Bayer und Altana erzielen weniger als ein Fünftel ihrer Umsätze in Deutschland. Mehr als die Hälfte erwirtschaften nur noch die Deutsche Telekom und die Stromversorger Eon und RWE. Vor fünf Jahren waren es doppelt so viele Unternehmen.

Es ist vor allem der europäische Binnenmarkt, der die Internationalisierung vorantreibt. Denn einheitliche Währung und einheitliche Regulierung erleichtern den Großkonzernen die Expansion in andere europäische Märkte. Dennoch betreibt eine wachsende Zahl von EU-Regierungen die Förderung „nationaler Champions“, mit der häufig ausländische Wettbewerber abgewehrt werden. Die Brüsseler Studie verweist auf Frankreich, Italien, Spanien und Polen, nennt aber auch Großbritannien. So initiierte Frankreich die Fusion von Gaz de France mit dem Versorger Suez, um dessen Übernahme durch die italienische Enel zu verhindern. Spanien will den Energiekonzern Endesa der ebenfalls spanischen Gas Natural in die Arme treiben und so vor dem Zugriff der deutschen Eon bewahren.

Die Bruegel-Experten kritisieren, dass diese Regierungen immer noch eine Interessenidentität von Unternehmen und Nation unterstellen, die es aber vielfach nicht mehr gibt. Die Folge ist, so das Forschungsinstitut, dass nationale Finanzhilfen überwiegend nicht mehr im Inland ankommen, sondern ausländischen Kunden in Form niedrigerer Preise oder den internationalen Aktionären des Konzerns durch höhere Dividenden zugute kommen. Steuerzahler würden diese Politik deshalb künftig weniger tolerieren.

Dax-Konzerne keine richtig deutschen Konzerne mehr

Das Bruegel-Institut rechnet zudem damit, dass die Konzerne ihre Zentralen in EU-Länder mit einem günstigeren regulatorischen Umfeld verlegen könnten. „Viele Dax-Firmen haben bereits heute mehr als die Hälfte ihrer Mitarbeiter im Ausland beschäftigt. Da ist es nur konsequent, die Rechtsform zu internationalisieren“, sagt Alexander Bassen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Hamburg.

„Die Dax-Konzerne sind nach altem Maßstab keine richtig deutschen Konzerne mehr. Dazu gehört, dass die Bereitschaft abnimmt, das Deutschland-Geschäft zu subventionieren, wenn es im Ausland besser läuft“, sagt auch Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Ein Aufsehen erregendes Beispiel für diesen Trend liefert Continental, das sein profitables Reifenwerk in Hannover-Stöcken schließt, um in Osteuropa günstiger zu produzieren. „Man darf nicht erwarten, dass die Dax-Konzerne aus einer Art Patriotismus den deutschen Standort bevorzugen“, so Kurz .

Zu dieser Entwicklung tragen auch ausländische Aktionäre bei. In den letzten fünf Jahren steigerten Ausländer ihren Anteil an den Dax-Konzernen nach Berechnungen des Handelsblatts um gut ein Viertel auf 45 Prozent. Ausländer kontrollieren inzwischen mit Adidas, BASF, Commerzbank, Continental, Deutscher Börse, Münchener Rück, Schering und Siemens mehrheitlich acht Dax-Konzerne. Im Jahr 2001 waren es erst drei.

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