Substanz entscheidet
Solarfirmen müssen an ihre Reserven gehen

Die Aktien der deutschen Hersteller von Solaranlagen zählten in den vergangenen Wochen zu den größten Gewinnern an der Börse. Doch der schöne Schein trügt: Angesichts der wegbrechenden Nachfrage müssen die Solarfirmen an ihre finanziellen Reserven gehen.

DÜSSELDORF. Unternehmen wie der Bonner Konzern Solarworld oder der weltgrößte Hersteller von Solarzellen, Q-Cells, verbuchten ein Kursplus von mehr als 80 Prozent. Selbst das finanziell schwer angeschlagene Hamburger Fotovoltaik-Unternehmen Conergy, dessen Aktienkurs nicht mehr im Euro-, sondern im Cent-Bereich notiert, konnte sich berappeln.

Doch der schöne Schein trügt. Tatsächlich erlebt die erfolgsverwöhnte Solar-Zunft nach einem jahrelangen Aufwärtstrend ihren erste ernste Krise. Wie eine Analyse der Zwischenberichte für das erste Quartal 2009 zeigt, sind bei den meisten Unternehmen die Umsätze im Vergleich zum Vorjahr massiv eingebrochen. Bei dem Berliner Modulbauer Solon etwa brach das Geschäftsvolumen um mehr als drei Viertel auf nur noch 38,3 Mio. Euro ein, das operative Ergebnis (Ebit) verschlechterte sich um 33,2 Mio. Euro auf minus 12,5 Mio. Euro. Anders ausgedrückt: Mit jedem Euro Umsatz fährt Solon im Moment vor Steuern und Zinsen 54 Cent Verlust ein.

Firmenchef Thomas Krupke erklärt die aktuelle Schwäche seines Unternehmens und die der meisten Wettbewerber vor allem mit dem schlechten Wetter zu Jahresbeginn und der Kreditklemme. Dazu kämen Einbrüche auf dem wichtigsten Exportmarkt Spanien von rund 80 Prozent. Laut einer Analyse der US-Investmentbank J.P. Morgan haben der rasante Nachfrageeinbruch und die weltweiten Überkapazitäten der Produzenten die Verkaufspreise um 20 bis 30 Prozent purzeln lassen.

Gerade am Branchenprimus Q-Cells zeigt sich die Dramatik der Lage: Innerhalb weniger Monate korrigierte das Unternehmen zum dritten Mal seine Jahresprognose nach unten. Statt, wie ursprünglich erhofft, in diesem Jahr einen Umsatz von bis zu 2,1 Mrd. Euro zu erzielen, rechnet Q-Cells jetzt nur mit Erlösen 1,3 Mrd. bis 1,6 Mrd. Euro. Von einem zunächst avisierten Betriebsergebnis von 450 Mio. Euro ist keine Rede mehr. Die Produktion soll um ein Fünftel gekappt werden, drei von sechs Fertigungslinien stehen bereits still. Der Branchenführer muss sogar an sein Tafelsilber ran, um die Kreditklemme zu überstehen. Anfang Mai verkaufte Q-Cells seine Beteiligung von 17 Prozent am norwegischen Siliziumproduzenten Renewable Energy Corporation für 530 Mio. Euro, um einen Überbrückungskredit zu tilgen. Seit vergangener Woche nun will Q-Cells eine Wandelanleihe über 250 Mio. Euro platzieren, um die Liquidität der Firma zu stärken. Laut Finanzexperten dürfte dann die Finanzierung bis 2012 gesichert sein.

Ende März wies das Unternehmen eine Verschuldungsquote, ausgedrückt im Verhältnis von Nettofinanzschulden zu Eigenkapital, von 42,2 Prozent aus. Das ist vergleichsweise komfortabel. Bei der Konkurrenz sieht das Bild mitunter verheerend aus. Der Dauer-Pleitekandidat Conergy führt das Feld im negativen Sinne mit einer Verschuldungsquote von 206,4 Prozent an. Auch Solon weist bei einem Eigenkapital von 356,8 Mio. Euro eine Nettofinanzverschuldung von 427,9 Mio. Euro aus.

Experten prognostizieren daher für die nächsten Jahre einen harten Ausleseprozess. Die Herstellervereinigung EPIA erwartet ohne neue Förderprogramme der Politik, dass der Weltmarkt 2009 um 15 Prozent schrumpfen wird. Frühestens Ende 2010 dürfte es wieder aufwärts gehen. Doch schon jetzt zehren die Solarunternehmen von der Substanz. Im ersten Quartal war der Free Cash-Flow, also der Mittelzufluss aus operativer Geschäftstätigkeit abzüglich den Auszahlungen für Investitionen, negativ (siehe Tabelle). Allerdings haben die meisten Unternehmen hohe Eigenkapitalreserven, um auch einige Verlustjahre zu überstehen.

Selbst Solarworld, das Unternehmen, das auch 2009 noch ein leichtes Umsatzplus verbuchte, musste seine Liquiditätsreserven angreifen, um die Investitionen zu finanzieren. Die Folge: Aus einem Nettoguthaben von 136,6 Mio. Euro im ersten Quartal 2008 wurde so eine Nettofinanzverschuldung von knapp 15 Mio. Euro. Im Verhältnis zum Eigenkapital sind das aber nur bescheidene 1,7 Prozent.

Solarworlds bilanzielle Stärke wird lediglich vom Kasseler Unternehmen SMA Solar Technologies übertroffen. Der Börsenneuling aus dem vergangenen Jahr fuhr im ersten Quartal 2009 zwar einen freien Cash-Flow von minus 34,5 Mio. Euro ein und musste deshalb seine Liquiditätsreserven ebenfalls angreifen. Dennoch hat SMA Solar nach Abzug der Finanzschulden noch flüssige Mittel in Höhe von 203,2 Mio. Euro in der Kasse.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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