Süßwarenbranche
Kraft braucht eine Schokoladenseite

Die Süßwarenbranche kennt keine Rezession. Während die Konsumenten in anderen Branchen Zurückhaltung an den Tag legen, profitieren Süßwarenkonzerne von einer steigenden Nachfrage nach Naschereien. Nun greift der US-Lebensmittelriese Kraft nach dem Süßwarenkonzern Cadbury. Heute geht der Poker in die entscheidende Phase.
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NEW YORK/LONDON. Prognosen der US-Marktforschungsfirma Mintel International zufolge werden Amerikaner im laufenden Jahr 17 Mrd. Dollar allein für Schokolade ausgeben, gut zwei Prozent mehr als im Vorjahr. In Europa ist das Bild ähnlich: Die Menschen mögen beim Kleider- oder Autokauf sparen, der Hang zur kleinen Nascherei ist jedoch ungebrochen. Das ist ein Grund, weshalb der US-Lebensmittel-Riese Kraft Foods 16,3 Mrd. Dollar für Cadbury bietet, einen führenden Süßwarenkonzern aus Großbritannien.

Großinvestoren wie Warren Buffett, dessen Holding Berkshire Hathaway mehr als neun Prozent der Kraft-Anteile hält, machen Druck auf Vorstandschefin Irene Rosenfeld: Die Kraft-Umsätze mit Käse, Ketchup und Kaffee (u.a. Jacobs) stagnieren. Mit der Übernahme würde Kraft auf dem US-Süßwarenmarkt mit einem Marktanteil von 9,7 Prozent Nestlé als Nummer drei ablösen. An das Führungsduo Mars-Wrigley (25,5 Prozent) und Hershey (22,1 Prozent) käme der Konzern aber nicht heran.

Das Kerngeschäft stagniert

Cadbury ist der Wunschpartner, weil er Kraft neue Wachstumsperspektiven eröffnen würde: Die Umsätze des Londoner Konzerns stiegen im dritten Quartal um stramme sieben Prozent, vor allem wegen einer starken Position in aufstrebenden Ländern wie Indien, Brasilien und Mexiko. Das Problem für Kraft: Die Braut will nicht, Cadbury hat das Angebot aus den USA von 745 Pence pro Aktie als entschieden zu niedrig abgelehnt.

Heute lief um 17 Uhr die Frist aus, die britische Aufsichtsbehörden Kraft für eine verbindliche Kaufofferte gesetzt haben. Erst dann ist Cadbury verpflichtet, dem Konkurrenten die Bücher zu öffnen. Kraft unternimmt nun wie geplant ein feindliches Angebot. Das Angebot von 9,8 Mrd. Pfung wird aber nicht erhöht. Das Cadbury-Management forderte die Aktionäre umgehend auf, nicht auf das Kraft-Angebot einzugehen.

Gekämpft wird mit allen Mitteln: Kraft hat die Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr erhöht, es sei zu vermuten, schreibt Morningstar-Analystin Erin Swanson, „dass das Management dadurch den Aktienpreis nach oben treiben oder sich mit Blick auf das Cadbury-Gebot in einem besseren Licht darstellen wollte“.

Ein deutlich besseres Angebot erwarten Marktbeobachter allerdings nicht, wie die jüngste Börsenentwicklung zeigt: Cadbury-Aktien schlossen am Freitag bei 758 Pence auf dem niedrigsten Stand seit Bekanntwerden der Übernahme-Offerte. Die großen Rivalen Nestlé und Hershey haben bisher keine Anstalten gemacht, in den Übernahmekampf einzugreifen. Zudem betonte Kraft-Chefin Rosenfeld mehrmals, dass sie wegen Cadbury weder die Dividende kürzen noch ihre Kreditbewertungen aufs Spiel setzen wolle.

Nestlé und Hershey bieten nicht mit

Cadbury lästert, dass der Deal sehr wohl für Kraft Sinn mache, aber nicht für die Briten. Konzernchef Todd Stitzer wirft deshalb sein gesamtes Gewicht und die mehr als 180-jährige Firmengeschichte in den Abwehrkampf. „Cadbury ist Inbegriff einer ganz besonderen Form von Kapitalismus, eines Kapitalismus mit hohen Grundsätzen", betonte er immer wieder: „Wenn man diese Tradition zerstört, dann setzt man den Erfolg des Konzerns aufs Spiel und all das, was Cadbury groß gemacht hat.“

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade Stitzer an die Wurzeln von Cadbury erinnert und an die Prinzipien des Firmengründers John Cadbury, eines Quäkers. Ihr Glaube verpflichtete die Quäker, sich für Gerechtigkeit, Gleichheit und die Bekämpfung der Armut einzusetzen.

Nur: Stitzer selbst hatte damit auch nie viel am Hut. Schließlich war er es, der vor sechs Jahren einen Tabubruch bei Cadbury wagte. Gegen enorme Widerstände zog er ein rigoroses Sparprogramm durch, strich 5 500 der damals gut 55 000 Arbeitsplätze und machte 27 von 133 Standorten dicht. Ein solches Vorgehen schien bis dahin undenkbar. Bis 2011 hat er weitere 7 800 Jobs auf die Streichliste gesetzt. Dennoch erhöhte der Cadbury-Chef Ende Oktober die Umsatz- und Gewinnprognosen fürs ganze Jahr. Damit will Stitzer dem US-Rivalen Wind aus den Segeln nehmen und demonstrieren, dass Cadbury sehr wohl allein überlebensfähig ist.

Kann Cadbury alleine überleben?

Oder will er den US-Lebensmittelriesen nur dazu bringen, sein Angebot zu erhöhen? Branchenbeobachter in London sind sich nicht sicher, was Stitzer wirklich im Schilde führt. Denn kurz nach Bekanntgabe des informellen Übernahmeangebots verwirrte er mit widersprüchlichen Aussagen. So hat er nach Branchenberichten bei einem Investorentreffen angeblich gesagt, es gebe durchaus Gründe, die für ein Zusammengehen sprächen. Später ließ er klarstellen, dass er missverstanden worden sei. Vielmehr sei er der Ansicht, dass eine Verschmelzung von Kraft und Cadbury jeder strategischen und finanziellen Logik entbehre.

Doch da widersprechen viele Analysten, auch weil höhere Preise für Rohstoffe, Verpackungen und Vertrieb Druck auf die Margen im Süßwarengeschäft ausüben. Einen Anstoß zur großen Konsolidierung hat es schließlich schon gegeben: Mars schluckte vor wenigen Monaten Wrigley’s für 23 Mrd. Dollar.

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