Symbolkraft der Auseinandersetzung weist weit über die Grenzen Schwabens hinaus
Ein Beben in der Daimler-Welt

Im Mercedes-Stammwerk Sindelfingen geht es um weit mehr als um Löhne und „Pinkelpausen“.

SINDELFINGEN. Stolz ist äußerst verletzlich, auch bei robusten Naturen. Breiter Schritt, schwere Arbeitsschuhe und das Kinn nach vorne gereckt: Karosseriebauer Harald Luger ist ein Bild schwäbischer Schaffenskraft und stolz auf seinen Job. Jeden Tag steht der 39-Jährige sieben Stunden am Band, seit zwanzig Jahren „schafft er beim Daimler“ in Sindelfingen. 3 300 Euro brutto bringt er nach Hause. Zu viel, sagt der Daimler-Chrysler-Vorstand.

Sparen, sparen, sparen heißt es in Sindelfingen, ansonsten geht die Produktion der neuen C-Klasse nach Bremen und zum Teil nach Südafrika. „Blanke Erpressung ist das“, schnaubt Luger, der stämmige Schwabe. „Schrempp und Hubbert verbrennen die Milliarden bei Mitsubishi und Chrysler, und die Arbeiter in Sindelfingen sollen bluten.“ In der heilen Daimler-Welt bebt es. Denn Sindelfingen ist mehr als nur Mercedes. Es ist ein Symbol.

Die Daimler-Leute sind empört. Jahre und sehr oft Jahrzehnte haben sie mit der stolzen Überzeugung gearbeitet, die besten Autos der Welt zu bauen – und dafür auch die beste Bezahlung zu verdienen. Und darum haben sie nicht aufgemuckt bei dem Gefühl, den Preis für die Fusion mit Chrysler zu zahlen. Sie haben still ertragen, dass der milliardenteure Ausflug zum japanischen Autobauer Mitsubishi mutmaßlich mit ihrem Geld finanziert wurde und der Vorstand mehr Geld einstrich. Mercedes muss sich das leisten können, war der unausgesprochene Konsens. Und man konnte es sich leisten. Selbst im schwachen Autojahr 2003 verdiente die Premiummarke mehr als drei Milliarden Euro – das war Rekord. Für dieses Jahr hat man sich eine gleiche Größenordnung vorgenommen.

Und dann das: Unverhohlen droht Mercedes-Chef Jürgen Hubbert mit dem Abbau von 10 000 Arbeitsplätzen, wenn es nicht gelingt, bei den Tarifverhandlungen Kosten von 500 Millionen Euro pro Jahr einzusparen. „Es ist Krieg“, steht auf Plakaten. 20 000 Beschäftigte bilden den Demonstrationszug in Sindelfingen, 60 000 Daimler-Beschäftigte sind es bundesweit. Die Stimmung am hauptsächlich betroffenen Standort Sindelfingen kocht. An diesem Tag wird hier kein einziger Mercedes gebaut werden.

Dabei hat es in der schwäbischen Industriestadt schon viele Streiks und Demonstrationen gegeben, ob für die 35-Stunden-Woche oder die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – stets konnte sich die IG Metall auf die Daimler-Belegschaft verlassen. Siebzig Prozent der rund 40 000 Beschäftigten sind hier organisiert.

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