Systeme zur Abwehr von Terrorangriffen auf Kernkraftwerke stoßen bei Experten auf Skepsis
Nebelwand soll Atomanlagen schützen

Mit einer künstlich aufgebauten Nebelwand wollen die deutschen Energiekonzerne ihre Atomkraftwerke gegen mögliche Terrorattacken aus der Luft sichern. Die Kraftwerksbetreiber Eon, RWE, Energie Baden-Württemberg (EnBW) und Vattenfall Europe haben beim Rüstungskonzern Rheinmetall entsprechende Vernebelungssysteme bestellt.

DÜSSELDORF. Dies erfuhr das Handelsblatt aus Kreisen der beteiligten Konzerne. Bei Atomexperten stoßen die Pläne aber auf Skepsis.

Das Rheinmetall-System soll es Angreifern erschweren, entführte Passagierflugzeuge – wie bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington– zielgenau auf Atomanlagen abstürzen zu lassen. Weil für die Wirksamkeit eines Flugzeugabsturzes der Aufprallwinkel entscheidend ist, soll Terrorpiloten die Orientierung erschwert werden. Auf Knopfdruck baut die Technologie, die bisher nur im militärischen Bereich wie zum Beispiel zum Schutz von Panzern oder Fregatten eingesetzt wird, innerhalb weniger Sekunden eine Nebelwand auf, die die Reaktoren einhüllt und Angreifern die Sicht nehmen soll. Ihre Wirkung bleibt mehrere Minuten bestehen und kann dann wieder erneuert werden. Der Nebel beeinträchtig aber nicht nur das Blickfeld: Seine Zusammensetzung kann auch unterschiedliche Frequenzen wie Infrarot- oder Radarsignale stören. Damit wird auch der Flug über Instrumente gestört. „Das Ziel ist es, den Angreifer zu verwirren und damit Zeit für andere Maßnahmen zu gewinnen“, sagt ein Kenner des Systems.

Die Kraftwerksbetreiber haben sich damit nach einer jahrelangen Diskussion auf ein einheitliches Schutzsystem geeinigt. Die Bundesregierung hatte dies nach dem 11. September 2001 angemahnt. Eine Studie der Gesellschaft für Anlagen und -Reaktorsicherheit (GRS) hatte schwere Sicherheitsmängel festgestellt. Fazit: Bei mindestens fünf Reaktoren könne nicht gewährleistet werden, ob sie dem Absturz eines vollbetankten Passagierflugzeuges stand halten könnten. Das Thema ist so brisant, dass das Gutachten nach wie vor unter Verschluss ist.

Fraglich ist, ob sich das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) mit den Maßnahmen zufrieden geben wird. Erst im März hatte das BMU noch Vernebelungstechniken als ungeeignet bezeichnet und von den Anlagenbetreibern gefordert, die Konzepte nachzubessern.

Auf Kritikpunkte reagiert

Wissenschaftler der Universität Hannover bewerteten im April in einer Studie, die die Umweltschutzorganisation Greenpeace in Auftrag gegeben hatte, die geplanten Maßnahmen der Energiebranche und kritisierten insbesondere die Vernebelungstechniken scharf. Es sei fraglich, ob sich die Technik, die ursprünglich für bewegliche Objekte wie Schiffe entwickelt worden sei, effizient auf feste Objekte wie Atomanlagen übertragen lasse. Auch sei zweifelhaft, ob die Vernebelung rechtzeitig ausgelöst werden könne. Wegen des dichten Flugnetzes über Deutschland könne ein automatischer Auslösemechanismus nicht eingefügt werden. Wenn ein Mensch den nötigen Knopf drücken müsse, sei aber mit einer langen Verzögerung zu rechnen.

Man habe auf Kritikpunkte reagiert und das System nachgebessert, hält die Industrie dagegen: So sei beispielsweise die Zeitspanne, in der die Nebelwand aufgebaut wird, deutlich geringer als vom Ministerium beanstandet. Auch sei die Vernebelung in die bundesweite Luftraumüberwachung eingebunden.

Für Rheinmetall könnte sich durch den Auftrag ein neuer Markt erschließen. Angesichts der in Europa knappen Verteidigungsbudgets versuchen sich die Anbieter von Militärgütern verstärkt im Bereich der inneren Sicherheit aufzustellen. In der deutschen Rüstungsbranche, die sich zur Zeit auf der Eurosatory in Paris trifft, einer der wichtigsten internationalen Messen der Heeresindustrie, gilt das Projekt daher als ein Referenzauftrag, der über den deutschen Markt hinaus Bedeutung hat. Auch der Nürnberger Rüstungs- und Technologiekonzern Diehl hatte sich beworben.

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