Tabakindustrie
Rauchverbote stören BAT fast gar nicht

Rauchverbote und Werbeverbote, Schmuggel und Fälschungen, Sammelklagen und Anti-Nikotin-Kampagnen – nichts kann die Tabakindustrie aufhalten. Sogar gegen die schlimmste Rezession seit Jahrzehnten zeigt sie sich weitgehend unempfindlich. Gestern legte Europas größter Zigarettenhersteller BAT ein glänzendes Ergebnis für 2008 vor.

DIRK HEILMANN | LONDON

Rauchverbote und Werbeverbote, Schmuggel und Fälschungen, Sammelklagen und Anti-Nikotin-Kampagnen - nichts kann die Tabakindustrie aufhalten. Sogar gegen die schlimmste Rezession seit Jahrzehnten zeigt sie sich weitgehend unempfindlich. Gestern legte Europas größter Zigarettenhersteller BAT ein glänzendes Ergebnis für 2008 vor. Aus einem mageren Prozent organischem Wachstum machte das britische Unternehmen dank zweier Übernahmen und günstiger Wechselkursentwicklungen ein Umsatzplus von 21 Prozent auf 12,1 Mrd. Pfund (13,6 Mrd. Euro). Der Reingewinn stieg um 15 Prozent auf 2,5 Mrd. Pfund.

"Es ist ein bisschen paradox", gesteht Michael Prideaux, Direktor für Regulierungsfragen, im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Viele Raucher begrüßen die Rauchverbote in Bars, weil sie nun nicht mehr im Ruf stehen, die Gesundheit von Nichtrauchern zu gefährden." Auch wenn es im Winter in Nordeuropa unbequem sei, draußen vor der Kneipe zu stehen, sei es dort oft voller und lebhafter als drinnen. Auch in der jüngsten Welle von Rauchbeschränkungen habe sich gezeigt, dass der Zigarettenabsatz nach einem anfänglichen Knick wieder auf den langfristigen Trend einschwenke.

Dass dieser Trend beharrlich abwärts weist, daran hat sich die Industrie gewöhnt. Mit einer Welle großer Übernahmen hat sie sich darauf eingestellt. Fabrikschließungen in Hochlohnländern und weltweite Marketingkampagnen sparen Geld, alle Prozesse werden auf Effizienz getrimmt. Der Lohn sind Gewinnspannen, wie sie andere Branchen gerne hätten. Auf eine operative Marge von knapp 31 Prozent kam BAT im vergangenen Jahr. Ein Sparprogramm, das bis 2012 die jährlichen Kosten um 800 Mio. Pfund senken soll, soll die Marge sogar auf 34 Prozent bringen.

Die aktuelle Rezession hat bisher kaum Spuren im Geschäft von BAT hinterlassen. Chairman Jan du Plessis sagt, der Konzern sei sich der Gefahr bewusst, dass Kunden auf billigere Marken umsteigen könnten. "Wir haben aber in allen Preiskategorien ein gutes Angebot." Die Übernahme des türkischen Tabakkonzerns Tekel und der dänischen ST für zusammen fünf Mrd. Dollar hat BAT führende Marktpositionen in Skandinavien und der Türkei verschafft.

Die Schuldenlast ist von 5,6 auf 9,9 Mrd. Pfund gestiegen, doch ein Großteil davon ist auf Wechselkurseffekte zurückzuführen. BAT sieht sich mit einer ungenutzten Kreditlinie von 1,75 Mrd. Pfund gut finanziert und will im laufenden Jahr die Verschuldung reduzieren. Der Konzern hat die Aktienrückkäufe eingestellt und dafür die Dividende um ein Viertel erhöht. Damit schüttet er jetzt 65 Prozent des Gewinns aus.

"Die Kunden schieben in der Krise vielleicht den Kauf eines Kühlschranks auf, verzichten aber nicht auf kleine Belohnungen wie Zigaretten", sagte Prideaux. Das bestätigen Erfahrungen anderer Konsumgüterfirmen wie des Süßwarenherstellers Cadbury und des Spirituosenkonzerns Diageo. Rauchen sei nun einmal für die meisten Kunden ein unverzichtbarer Teil des täglichen Lebens, bestätigt Jonathan Fell, Analyst der Deutschen Bank.

Der politische Druck auf die Tabakindustrie werde jedoch nicht abnehmen, sagt Prideaux. Rauchbeschränkungen würden sich rasch auch in Schwellenländern ausbreiten, auch wenn sie dort oft schwerer durchzusetzen sein dürften. "Wir kommen damit schon klar", sagt er. Großbritannien diskutiert gerade, ob Zigaretten künftig noch in Geschäften und Kneipen offen dargeboten werden dürfen. Das würde der Industrie ihre letzten Marketing-Chancen nehmen. Als rauchfreie Alternative würde BAT gerne Snus, wie er in Schweden bekannt ist, in weiteren Ländern popularisieren. In Japan, Kanada und Südafrika laufen Versuche mit dem feingemahlenen Tabak, der in Tütchen unter die Oberlippe geschoben wird. In der EU ist er allerdings verboten.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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