Tag acht im Porsche-Prozess
Der Schattenmann

Am achten Tag im Porsche-Prozess um Ex-Chef Wendelin Wiedeking erweist sich die Befragung des ehemaligen Chefstrategen Michael Harmening als zäh und unergiebig. Der 54-Jährige leidet unter großen Gedächtnislücken.

StuttgartGerichtsverhandlungen bei Wirtschaftsstrafsachen bieten manchmal die Chance, Menschen zu erleben, die viel Einfluss auf ein Unternehmen haben, aber normalerweise der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Zu dieser Spezies gehören auch Strategiechefs. Den ehemaligen VW-Chefstrategen Matthias Müller beispielsweise kennt die Öffentlichkeit erst, seitdem er vor fünf Jahren Vorstandschef von Porsche wurde - und natürlich seit seiner Beförderung zum Chef der Konzernmutter Volkswagen.

Die strategische Abteilung zu führen, ist häufig ein Sprungbrett für höhere Aufgaben. Dass aber auch das Gegenteil der Fall sein kann, führte der achte Tag im Prozess gegen Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und seinem damaligen Finanzchef Holger Härter vor Augen. Wiedekings ehemaliger Chefstratege Michael Harmening wurde als Zeuge vernommen. Der 54-Jährige galt in seiner Zeit bei Porsche als beinharter Manager mit nicht zimperlichen, teilweise sogar ruppigen Umgangsformen, der sein Handwerkszeug beim Unternehmensberater McKinsey gelernt hatte.

Eine seiner Aufgaben war es, Vorstandsitzungen vorzubereiten und technische Zusammenarbeit mit Volkswagen im Zuge der Übernahme zu forcieren. Harmening war der engste interne Mitarbeiter von Wiedeking. Der starke Mann im Hintergrund des Übernahmeprojektes Volkswagen in den Jahren 2005 bis 2009. Der 1,90 Meter große Manager trägt heute einen Stoppel-Haarschnitt, der einem Staff-Seargent der US-Armee zur Ehre gereichen würde. Aber die Robustheit war an diesem Tag nur äußerlich.

Im Zeugenstand war der Ex-Topmanager ab der ersten Antwort nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Befragung erwies sich als äußerst zäh und unergiebig. Harmening hatte extrem große Erinnerungslücken, konnte sich an viele Dinge, die er noch bei seinen vier Vernehmungen von den Ermittlungsbehörden im Jahr 2011 beschrieben hatte, nicht mehr erinnern.

Selbst an den Aufsichtsratsbeschluss im Juli 2008, als das Gremium die Aufstockung auf 75 Prozent ankündigte, konnte er sich zunächst nicht erinnern. Auch der 26. Oktober 2008, dem Tag, an dem Porsche erstmals öffentlich machte, 75 Prozent an VW übernehmen zu wollen, war für ihn „nicht von besonderer Emotionalität“. Harmening strapazierte die Geduld des Richters, weil er nicht einmal die Jahre auseinanderhalten konnte, sich dann aber wieder an Details durchaus erinnerte, wie die Dicke eines Protokolls, nicht aber an die Inhalte. Vorstandssitzungen habe es einmal im Monat geben, pro Jahr würden insgesamt etwa 120 Beschlüsse gefasst. Sich an einen einzigen zu erinnern, sei ihm nicht möglich, sagte der Zeuge.

Wiedeking und Härter wirft die Staatsanwaltschaft vor, 2008 den Plan zur Komplettübernahme von VW verschleiert zu haben und den Kapitalmarkt durch irreführende Äußerungen getäuscht zu haben. Hedgefonds verloren in der Wette auf sinkende Kurse der VW-Aktie Milliarden.

Der bedeutsame Zeitraum - die Jahre 2005 bis 2008 - sei sehr lange her, zudem plagten ihn private und gesundheitliche Probleme, sagte der frühere Porsche-Hauptabteilungsleiter am Donnerstag vor dem Stuttgarter Landgericht. „Ich erinnere mich nicht“, betonte der früher hochbezahlte Top-Manager. Der 54-Jährige schied 2011 aus, später musste er sich einer Herzoperation unterziehen.

Vor allem, wenn Richter und Staatsanwalt herausfinden wollten, ob es einen Geheimplan gab, wurden die Angaben des Zeugen immer diffuser. Als er noch einmal konkret zum für die Öffentlichkeit damals unbekannten Aufsichtsratsbeschluss im Juli 2008 befragt wurde, der zum Erwerb über 75 Prozent ermächtigte, sagte er ausgerechnet zu dieser Frage: „Es gibt nie einen Aufsichtsratsbeschluss, was nicht vorher der Vorstand beschlossen hat.“

Diese Aussage hätte Wiedeking belastet, da ein solcher Beschluss nicht dokumentiert ist. Wenn es ihn gegeben hätte, wäre eine Veröffentlichung des Vorhabens der Komplettübernahme zwingend erforderlich gewesen. Aber kurz später ruderte der unsicher auftretende Zeuge aber zurück und sagte, er kenne keinen entsprechenden Beschluss des Vorstandes. Die nachgeschobene Aussage wiederum könnte zur Entlastung von Wiedeking beitragen.

Am Ende des Prozesstages konnte sich der Ex-Topmanager nicht einmal mehr erinnern: „Ich weiß nicht mal, wer Lehman Brothers sein soll.“ Selbst Wiedeking zeigte sich erschüttert über den Zustand seines Ex-Mitarbeiters. „Das ist ganz furchtbar“, sagte der Angeklagte.

Beteiligte und Prozessbeobachter waren nach diesem Tag gleichermaßen ratlos. Wäre man in einem Mafiafilm, hätte man glauben können, der Zeuge sei gekauft oder eingeschüchtert worden. Aber vermutlich hat er tatsächlich große gesundheitliche Probleme. „Die Protokolle der Vernehmung waren ganz klar und haben das nicht erwarten lassen“, sagte ein Anwalt der Verteidigung. Wiedekings Verteidiger Graf sagte, der Zeuge nutze weder der Verteidigung, noch der Staatsanwaltschaft. Das Auftreten des Zeugen war so skurril, dass selbst der Richter davon abließ, den Zeugen noch weiter zu befragen.

Harmening war 2011 im Unfrieden mit Porsche mit einer Millionenabfindung ausgeschieden, die aber unter seinen Forderungen gelegen haben soll. Ironischerweise beendete ausgerechnet Matthias Müller Harmenings Karriere, als er Porsche-Chef wurde. Während der Übernahmeschlacht war er als VW-Strategiechef häufig mit dem Chefstrategen von Porsche aneinander geraten, vor allem als es um die technische Zusammenarbeit ging, die Porsche zu schleppend empfand. Auch der Aufstieg seines Ex-Kontrahentens auf den Chefsessel von VW dürfte ein weiterer Tiefschlag für Harmening gewesen sein - einem Manager, auf der Schattenseite.

Da Harmening viele Fragen nicht beantworten konnte, werden sie wohl einem zweiten Mitarbeiter nochmals gestellt werden, der noch als Zeuge geladen ist. Am Freitag wird aber zunächst der engste Mitarbeiter von Finanzchef Härter vernommen. Dabei geht es um die Fragen der Liquidität während der Übernahmeschlacht.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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