Tagung
Chemie sieht sich auf der Talsohle

Eine Trendwende ist noch weit entfernt, aber sie ist fern am Horizont erkennbar. So könnte das Fazit lauten, das die Chemiebranche auf ihrer heutigen Verbandstagung zieht. Allerdings dürfte es noch ein wenig dauern, bis es wieder aufwärts geht.

FRANKFURT. Die Chemieindustrie sieht nach einem historischen Geschäftseinbruch im ersten Halbjahr jetzt die Sohle des Konjunkturtals erreicht. Der Verband der Chemischen Industrie Deutschland (VCI) rechnet mit einer leichten Belebung in der zweiten Jahreshälfte. „Noch bewegen wir uns auf sehr dünnem Eis. Ich meine aber, dass es für einen Aufschwung trägt“, sagt VCI-Präsident Ulrich Lehner gestern.

Die Anfang des Jahres vom VCI gemachte Prognose, die Produktion in der Branche werde um 2,5 Prozent zurückgehen, ist dennoch obsolet. Tatsächlich brach die Produktion im ersten Halbjahr um 15,5 Prozent ein. Für das Gesamtjahr rechnet der VCI jetzt mit einem Produktionsrückgang von zehn Prozent.

Seinen betont vorsichtig formulierten Optimismus auf ein Ende der Talfahrt begründet Lehner mit der Produktion in den Grundstoffsparten. Diese habe sich seit Februar von Monat zu Monat leicht erhöht. Seit April haben sich die Preise für Chemieprodukte zudem stabilisiert, bei einigen Grundstoffen zogen sie wieder an. Auch habe sich die Produktion der gesamten Chemiebranche in den vergangenen Monaten stabilisiert, wenn auch auf sehr niedrigem Niveau einer Kapazitätsauslastung von 72 Prozent.

Eine tatsächlich belastbare Aussage ist für den Verband schwierig, weil sich einerseits die befragten Mitglieder mit ihren Angaben schwer tun, zum anderen die Entwicklung in den Sparten sehr unterschiedlich ausfällt. Die Hersteller chemischer Grundstoffe verzeichnen gegenüber dem ersten Halbjahr 2008 die deutlichsten Produktionseinbußen. Dagegen trotzt das Pharmageschäft der Krise nahezu und kommt mit einer um lediglich 0,5 Prozent geringeren Produktion davon.

Unter dem Strich bedeutet das, dass der Umsatz der deutschen Chemieindustrie im ersten Halbjahr um 16,5 Prozent auf 69,7 Mrd. Euro sank. Der Rückgang erfasste das Inlands- und Auslandsgeschäft gleichermaßen. Die Krise nutzen offenbar zahlreiche Unternehmen, um sich auf bessere Zeiten vorzubereiten.

So versucht die Branche trotz der Absatzprobleme, die Belegschaft zu halten. Nur 0,5 Prozent weniger Mitarbeiter wurden im Halbjahresvergleich beschäftigt. Dafür müssen die 439 500 Mitarbeiter in den rund 2 000 VCI-Mitgliedsunternehmen Maßnahmen mitmachen, die die flexiblen Arbeitsmarktinstrumente und die Tarifvereinbarungen bieten. So befinden sich derzeit rund 50 000 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Doch hier wollte Verbandspräsident Lehner noch keine endgültige Entwarnung geben: „Wenn die Branche in den verbleibenden Monaten des Jahres auf dem Produktionsniveau der ersten Jahreshälfte stehen bleiben sollte, wird der Druck in den Unternehmen in Richtung Stellenabbau wachsen.“

Nach Lehners Worten werden die Unternehmen ihre Investitionsvorhaben prüfen und auch verschieben. Dagegen werden die Forschungsbudgets nicht gekürzt; auch in diesem Jahr wird die Chemieindustrie 9,1 Mrd. Euro für Forschung und Entwicklung neuer Produkte ausgeben.

Seine grundsätzliche Zuversicht erklärt Lehner vor allem mit der Flexibilität und der Arbeitsteilung der Firmen in Deutschland: „Die 1 500 kleinen und mittleren Unternehmen unserer Branche sind zu 87 Prozent mit ihren Produkten auf den Weltmärkten vertreten und besetzen dort ausgesprochene Nischen.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%