Tarifrunden
Preisschub macht IG Metall nervös

Mit den Preisen für Verbrauchsgüter steigen normalerweise auch die Lohnforderungen der Gewerkschaften. Doch vor den kommenden Lohnrunden wird in der IG Metall gestritten, ob hohe Forderungen wirklich das probate Mittel in der momentanen Situation sind. Denn die Gewerkschafter fürchten den Druck ihrer Mitglieder, wenn die Inflation wieder abnimmt.

BERLIN. Die gestiegenen Teuerungsraten setzen die Gewerkschaften unter erhöhten Erwartungsdruck ihrer Mitglieder. Damit steuert speziell die IG Metall auf eine hitzige Debatte über ihren Kurs in der bevorstehenden Tarifrunde für die 3,6 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie zu: Erste lokale Gremien stellen sich schon mit Forderungen nach einem Inflationszuschlag für untere Lohngruppen auf die im Oktober beginnenden Verhandlungen ein. Generell will die IG Metall aber bei ihrer traditionellen Lohnformel bleiben, die sich auf Mittelfristdaten für Inflation und Produktivität stützt.

„Unsere Orientierungsgröße für den Faktor Teuerung ist grundsätzlich die Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank, die bei zwei Prozent liegt“, sagte IG-Metall-Bezirkschef Armin Schild dem Handelsblatt. „Es wäre unklug, wenn sich die IG Metall bei ihren Forderungen von kurzfristigen Inflationsziffern abhängig machen würde“ – denn damit gerate sie bei eventuell wieder nachlassender Inflation umso eher unter Druck, Forderungen zurückzuschrauben, warnte der Chef der sogenannten Mittelgruppe (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen).

Als eine der ersten Ortsgliederungen der IG Metall hatte zuvor die Verwaltungsstelle Ludwigsburg in Baden-Württemberg ein anspruchsvolles Forderungspaket beschlossen: Neben dauerhaften Lohnerhöhungen von neun Prozent fordern ihre Delegierten 1 000Euro Einmalzahlung, wovon Bezieher niedrigerer Löhne überproportional profitieren würden. Begründung: Damit wolle man „einen Ausgleich für die überdurchschnittlich gestiegenen Preise für die Güter des täglichen Bedarfs organisieren“. Zwar steht die Forderungsdebatte der IG Metall am Anfang: Der Vorstand will am 22. September seine Empfehlung beschließen, die als Basis für die endgültigen Forderungsbeschlüsse der Bezirke dient. Auch sind markante Einzelforderungen in diesem Prozess nicht ungewöhnlich. Doch zeigt sich damit, in welch kritischem Spannungsfeld zwischen Inflationsdruck und Konjunkturrisiken die Metaller agieren.

Deren Lohnrunde hat diesmal besondere Brisanz, weil sie direkt vor dem Hintergrund neuer Sorgen wegen einer möglichen Lohn-Preis-Spirale startet: Würde die bisher von Energie- und Rohstoffpreisen getriebene Inflation direkt in höhere Lohnabschlüsse umgesetzt, könnte daraus eine fatale Mixtur aus abnehmender Wirtschaftsdynamik bei weiter verstärkter Teuerung werden. Mit ihrer jüngsten Zinserhöhung hat die EZB signalisiert, dass sie die Risiken ernst nimmt und notfalls mit einer restriktiveren Geldpolitik gegensteuern will.

Die gestiegene Teuerung „erhöht die Erwartungen unserer Mitglieder und fördert insoweit eine höhere Tarifforderung“, konstatiert auch Bezirkschef Schild. Die Mitglieder urteilten eben nicht nach einer abstrakten volkswirtschaftlichen Rationalität. Zugleich aber bleibe „die IG Metall als Organisation ihrer gesamtwirtschaftlichen Rolle verpflichtet“. Auch das ist freilich keine Absage an kräftige Lohnforderungen: „Was wir unabhängig davon brauchen, ist eine Stabilisierung der Binnennachfrage durch die Lohnpolitik“, so Schild.

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